Fatih Birol ist Chefökonom der Internationalen Energieagentur IEA, diewährend der Ölkrise 1973 von 16 Industrienationen gegründet wurde. Sie beobachtet die internationalen Energiemärkte und berät die Politik mit dem Ziel, eine sichere Energieversorgung ihrer Mitgliedsstaaten zu fördern. Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Weltenergieausblicks am Dienstag sprach Birol mit ZEIT ONLINE über die Bedeutung des chinesischen Wachstums, Versäumnisse der Klimapolitik und eine bessere Energieversorgung für die Armen.

ZEIT ONLINE: Herr Birol, in ihrem neuen Weltenergieausblick prognostiziert die Internationale Energieagentur IEA, es werde sehr schwer werden, die Erwärmung der Erde auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Sie sagen sehr hohe Kosten voraus und betonen die Schwierigkeiten. Ist es überhaupt noch möglich, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen ?

Fatih Birol: Es zu erreichen wird schwieriger. Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass in Kopenhagen kein für alle verbindliches internationales Klima-Abkommen verabschiedet wurde. Selbst wenn es auf der kommenden Klimakonferenz in Cancún eine Entscheidung geben sollte, wird es teurer und damit unwahrscheinlicher, weil den größten Emittenten bislang der Ehrgeiz fehlt. Das ist eine Schlüsselbotschaft des neuen Weltenergieausblicks: Das Zwei-Grad-Ziel rückt außer Reichweite. Die Welt verliert dadurch ungefähr eine Billion Dollar.

ZEIT ONLINE: Eine Billion Dollar ist sehr viel Geld. Wie kommen Sie auf diese Summe?

Birol: Das ist einfach zu erklären. Hätte es in Kopenhagen eine verbindliche Vereinbarung gegeben, die Emissionen klimaschädlicher Gase innerhalb eines bestimmten Zeitraums um einen festen Prozentsatz zu senken, wäre das ein Signal für die Energiebranche gewesen, ihre Investitionen in umweltfreundliche Technik zu stecken. Es gäbe mehr erneuerbare Energien und mehr Effizienz, fortgeschrittene Technologien würden stärker genutzt. Aber jetzt wird ohne Rücksicht auf das Klima investiert. Ist ein Kohlekraftwerk in China – um ein Beispiel zu geben – einmal gebaut, läuft es 50 oder 60 Jahre lang.

ZEIT ONLINE: Damit wird es viel schwieriger, die Wende hin zur umweltfreundlichen Energieerzeugung noch zu schaffen.