Julia Reverte ist seit fast zwei Jahren ohne feste Stelle. Bevor sie und hundert ihrer Kollegen von einem Tag auf den anderen gekündigt wurden, war sie eine erfahrene Journalistin bei einer großen Nachrichtenagentur. Sie hat hunderte Bewerbungen geschrieben, ihren Lebenslauf immer wieder optimiert. Ohne Erfolg. Inzwischen kellnert sie in einem Lokal. "Wie vor zehn Jahren, als ich nach New York kam", sagt sie. Ihre Angst: Nie wieder in ihrem angestammten Beruf zu arbeiten. Deshalb will sie ihren wirklichen Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Ihr Leben hat sich entscheidend verändert: Friseurbesuche sind inzwischen Luxus. Mit Freunden trifft sie sich fast nur noch zuhause. Was sie tun soll, wenn ihre Ersparnisse aufgezehrt sind und sie ihre Krankenversicherungsbeiträge nicht mehr zahlen kann, darüber will sie lieber nicht nachdenken.

Wie Julia Reverte kämpfen Millionen Amerikaner. Und sie sind sauer. Viele von ihnen machen Präsident Barack Obama für die Misere verantwortlich. "Ich bin offen gestanden erschöpft, erschöpft davon, Sie und Ihre Regierung zu verteidigen, und ich bin tief enttäuscht, über unsere Lage. Sagen Sie ehrlich: Ist das meine neue Realität?", fragte Velma Hart, Finanzvorstand bei einer Veteranenorganisation, während eines Bürgertreffens in Washington den Präsidenten. Wenige Wochen später verlor sie ihren Job und Obama die Kongresswahlen . Der Präsident selbst wirkt bisweilen resigniert. "Die Gefahr besteht, dass wir in einem neuen Normalzustand stecken bleiben, in dem Arbeitslosigkeit hoch bleibt, Leute, die einen Job haben, mehr verdienen. Unternehmen streichen fette Gewinne ein, aber weil sie gelernt haben, mit weniger auszukommen, stellen sie niemanden ein", sagte er in einem Interview.

Was Obama beschreibt, ist der Zustand, den immer mehr Amerikaner im Alltag erleben und von dem sie fürchten, dass er zum Dauerzustand wird: New Normal . Eine neue, ärmere Wirklichkeit, mit der es sich abzufinden gilt. New Normal ist zur Kurzformel für die Misere geworden. Aufgebracht hat ihn Bill Gross, Investmentchef bei der Allianztochter Pimco, der für seine bissigen Wirtschaftskommentare bekannt ist. Inzwischen plappern die talking heads der Wall Street und der Vorstandsetagen beim Wirtschaftssender CNBC über New Normal , wie über die jüngsten Ausschläge des Dow Jones Index. Das Magazin Businessweek widmete dem Begriff eine ganze Ausgabe. Als "kranken Mann des Globus" diagnostizierten Reuters-Reporter jüngst die USA.

Zum New Normal gehört, dass inzwischen 15 Millionen Amerikaner offiziell auf Arbeitssuche sind. Zählt man diejenigen dazu, die ihre Suche bereits aufgegeben haben, läge die Arbeitslosenquote bei 17 Prozent. Das Heer der Zeitarbeiter wächst. Zum New Normal gehört, dass bald Millionen Arbeitslose ihre Unterstützung ausgeschöpft haben werden, weil sie länger als 99 Wochen ohne Stelle waren. Vor kurzem trafen sich Vertreter aus dem 99er Club, wie sich die Betroffenen nennen, zu einer Protestaktion vor der New Yorker Zentralbank und stellten eine Brotschlange aus den Zeiten der Großen Depression nach. Einer von sieben Amerikanern erhält inzwischen food stamps – jene Essensmarken, die für immer mehr das letzte soziale Auffangnetz sind. "Wir sind nicht weit von einem Zustand entfernt, in dem die Wirtschaft sich nicht mehr selbst am Laufen halten kann", warnt Notenbankchef Ben Bernanke.

Auf Dauerarbeitslosigkeit ist das Land nicht eingerichtet. In der Vergangenheit konnten sich die Amerikaner immer auf ihren flexiblen Arbeitsmarkt verlassen . Wenn es weniger Jobs gab, wanderten die Arbeitskräfte zwischen Branchen und Bundesstaaten hin und her. Jetzt bewegt sich kaum etwas. Die Immobilienkrise erschwert die Jobsuche zusätzlich: Wer kann es sich leisten, wegzuziehen und sein Haus zu verkaufen, wenn es weniger wert ist, als die Hypothek darauf? "Das einzige, was Arbeitsplätze schafft, ist Nachfrage, und die kann derzeit nur die Regierung schaffen", sagt Dean Baker, Co-Leiter des Center for Economic and Policy Research, einem linksliberalen Think Tank in Washington.

Das New Normal , sagt er, sei der Versuch der Wall Street und der Wirtschaftsvertreter, die Diskussion von den eigentlichen Problemen abzulenken. "Erst reißen sie die Wirtschaft in den Abgrund, und jetzt heißt es auch noch, gewöhnt euch dran!" Die Untätigkeit Washingtons, das in politischem Grabenkampf feststecke, ist für Baker die größte Gefahr. "Es wäre schön, wenn Steuermittel für notwendige und sinnvolle öffentliche Projekte fließen würden, aber zur Not können sie die Leute auch Löcher graben und wieder zuschütten lassen – Hauptsache, sie haben einen Job."

Doch die USA hat bereits 2,8 Billionen Dollar an öffentlichen Mitteln ausgeschüttet, um eine Depression abzuwenden. Es dürfte schwer sein, mehr öffentliches Geld locker zu machen. Denn die andere große Bedrohung für die USA ist die Verschuldung. 13,9 Billionen Dollar zeigt die Schulden-Uhr in Manhattan. Mit 44.000 Dollar steht jeder US-Bürger, vom Baby bis zum Greis, in der Kreide.