Vier Jahre lang ließ sich kein chinesischer Regierungschef mehr in Indien blicken. Nun – von Mittwoch bis Freitag – hat sich Premierminister Wen Jiabao angesagt. Und China verbindet mit dem Staatsbesuch seines Regierungschefs Hoffnungen auf noch bessere Handelsbeziehungen mit seinem asiatischen Konkurrenten. Ein Freihandelsabkommen sei die nächste Stufe der chinesisch-indischen Beziehungen, sagte der chinesische Botschafter Zhang Yan in Neu-Delhi. "Wir hoffen, dass wir diesen Prozess starten können." China sei hier sehr zuversichtlich. "Ich glaube, dass die Inder dies im Allgemeinen positiv sehen, aber noch mehr Zeit brauchen."

Auch wenn die bilateralen Handelsbeziehungen zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Erde im vergangenen Jahrzehnt boomten und sich die Zusammenarbeit in globalen Fragen wie dem Klimaschutz verbesserte, beäugen sich beide Nachbarn weiter misstrauisch, was den wachsenden internationalen Einfluss angeht. Zudem sind beide Länder über Grenzstreitigkeiten wiederholt aneinandergeraten. Der Regierung in Neu-Delhi sind außerdem die zunehmend engeren Beziehungen Chinas mit dem indischen Erzfeind Pakistan ein Dorn im Auge.

Bei Wens Besuch geht es nach chinesischen Angaben um eine Ausweitung der Handelsbeziehungen und die Verbesserung der allgemeinen Zusammenarbeit sowie den Frieden und die Stabilität in der Region voranzubringen. Beide Länder wollen mehrere Geschäftsabschlüsse unterzeichnen. Dazu gehört der im Oktober angekündigte Verkauf von Elektrizitätsanlagen und damit verbundenen Dienstleistungen für rund 6,2 Milliarden Euro von der Shanghai Electric Group an Indiens Reliance Power.

China ist der größte Handelspartner Indiens, der gemeinsame Handel dürfte in diesem Jahr die Schwelle von rund 45 Milliarden Euro überschreiten. Allerdings liefert China mehr Waren nach Indien als umgekehrt. Das indische Handelsdefizit mit China stieg 2007/08 auf 12 Milliarden Euro, in den Jahren 2001/02 lag es noch bei ungefähr 750 Millionen Euro wie aus indischen Daten hervorgeht. Während der Großteil der indischen Exporte ins Reich der Mitte aber Rohstoffe sind, machen umgekehrt Industriegüter den Löwenteil der chinesischen Ausfuhren ins Nachbarland aus.

Experten gehen davon aus, dass Indien ein Handelsabkommen ablehnt. "Ich glaube, dass die indische Seite kein Freihandelsabkommen akzeptieren kann, da man fürchtet, dass China den indischen Markt mit Billigwaren überschwemmt", sagte Srikanth Kondapalli, Chef der Ostasien-Studien an der Jaharwalal Nehru Universität.