Mappus sah Gefahr im Verzug. Der Energiekonzern Electricité de France (EDF) strebte nach der Macht bei der EnBW. Die Franzosen waren vor zehn Jahren bei dem baden-württembergischen Vorzeigekonzern eingestiegen. In dieser Zeit war es den Deutschen aber gelungen, die Macht der Franzosen zu begrenzen. Die EDF musste mit dem zweiten großen Aktionär, dem Zweckverband Oberschwäbischer Elektrizitätswerke (OEW), einen Konsortialvertrag schließen, in dem sie die gemeinsame Kontrolle vereinbarten. Ende 2011 wäre jedoch der Konsortialvertrag ausgelaufen. EDF hätte gerne die Mehrheit gehabt, der OEW wollte das verhindern, konnte das aber nicht finanzieren.

Mappus schaltete sich deshalb bereits vor Monaten in die Verhandlungen zwischen den Großaktionären ein. Schon zu Beginn sei Notheis dabei an seiner Seite gewesen, berichtet ein Vertrauter der kommunalen Aktionäre. Notheis sei der "Spiritus Rector" des späteren Deals gewesen. Der Investmentbanker habe dem Ministerpräsidenten die Chancen, die die Konstellation böte, nahegelegt. Die Idee selbst aber, so heißt es in vornehmer Zurückhaltung bei Morgan Stanley, stamme von Mappus selbst.

Im Juli habe sich der neue EDF-Chef Henri Proglio in Baden-Württemberg vorgestellt, beim OEW, beim EnBW-Management und bei Mappus. Proglio habe zu dem Zeitpunkt schon erkannt, dass er keine Mehrheit erlangen würde, aber auf mehr Einfluss gepocht. Mappus war alarmiert und wurde aktiv. Spätestens im Konflikt um Stuttgart 21 habe er das Thema dann als perfektes Wahlkampfthema identifiziert. Vor etwa drei Wochen sei Mappus dann bei Proglio in Paris gewesen und habe seine Pläne erläutert. Die Franzosen hätten sich letztlich dem Druck und dem aus ihrer Sicht lukrativen Preis ergeben. Immerhin: Mappus zahlt 850 Millionen Euro mehr als den aktuellen Börsenwert der erworbenen Anteile.

Der Ministerpräsident beruhigte sogleich sein Wahlvolk."Der Kauf wird nicht zulasten des Steuerzahlers gehen", sagte Mappus nach Bekanntwerden des Geschäfts. Die Dividendenzahlungen der EnBW würden "aller Voraussicht" nach über den Zinskosten der Anleihe liegen, die das Land für den Kauf beigeben muss. Denn aus dem Landeshaushalt ist der Megadeal nicht zu stemmen.

Die Kalkulation ist, in Anbetracht der Geschäftsaussichten der EnBW, nach Einschätzung von Analysten mehr als fraglich. "Grundsätzlich ist es möglich, dass das Land seinen Zinsaufwand für die Anleihe durch die Dividendenzahlungen der EnBW refinanzieren kann", sagt Analyst Matthias Heck von Macquarie : "Das Risiko des Landes wird damit jedoch nicht angemessen vergütet." Das heißt im Klartext: Das Land Baden-Württemberg trägt ein nicht unerhebliches Risiko.

Beim Kaufpreis von 41,50 Euro je Aktie müsste die EnBW eine Dividende von 1,25 Euro ausschütten, damit das Land die Zinslast ohne Verlust bedienen kann. Zuletzt schüttete die EnBW eine Dividende von 1,53 Euro aus. "Aber was ist, wenn sich der Gewinn der EnBW halbiert?" warnt ein EnBW-Kenner. Gemessen an Eon und RWE, mit einer Dividendenrendite von sechs Prozent, ist die Ausschüttung schon jetzt mager. "Das wird ein Ritt über den Bodensee", sagt ein anderer Experte aus dem Umfeld der EnBW.

In der Branche wird der Kaufpreis daher als zu hoch kritisiert. "Politisch war das ein guter Schachzug, wirtschaftlich ist das ein kompletter Wahnsinn", sagt der Manager eines Konkurrenten. Das Land bezahlt für seinen Anteil an der EnBW 4,7 Milliarden Euro – das sind 18 Prozent, also 850 Millionen Euro mehr, als EnBW-Aktien zuletzt an der Börse wert waren. Der Aufschlag sei angesichts der Risiken des Investments hoch.

Die Konkurrenten können die wirtschaftlichen Aussichten der EnBW gut einschätzen, schließlich steht die gesamte Branche vor enormen Belastungen. Ab dem kommenden Jahr müssen die Kernkraftbetreiber, zu denen EnBW neben Eon, RWE und Vattenfall gehört, vor allem die neue Brennelementesteuer stemmen, die die Bundesregierung jüngst, im Gegenzug für die Revision des Atomausstiegs, beschlossen hat.