Die EU und Indien wollen im kommenden Jahr die seit längerem geplante Freihandelszone gründen, in der Zölle weitgehend gestrichen wären. Beide Seiten seien entschlossen, das entsprechende Abkommen im Frühjahr 2011 zu unterzeichnen, sagten Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh, EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und Kommissionspräsident José Manuel Barroso nach einem Gipfeltreffen in Brüssel.

Singh sagte, das Abkommen würde "enorme Vorteile für beide Seiten" bringen. "Es wäre auch ein wichtiges Zeichen für globale Öffnung und gegen Protektionismus", betonte Barroso. In der Freihandelszone, einem Gebiet mit mehr als 1,5 Milliarden Menschen, würden die Zölle für 90 Prozent des Warensaustauschs abgeschafft. Beide Seiten hoffen, dass der Handelsaustausch von derzeit rund 70 Milliarden Euro im Jahr dann auf mehr als 100 Milliarden Euro steigt.

Indien und die EU sprechen bereits seit 2007 über ein solches Freihandelsabkommen, doch einige Streitpunkte haben den Abschluss bisher verhindert. So beharrt die EU vor allem auf der Einbeziehung von Menschenrechten – hauptsächlich die Ächtung der Kinderarbeit – und verlangt mehr Schutz des geistigen Eigentums. Hintergrund ist, dass europäische Pharmakonzerne über ungenügenden Patentschutz in Indien klagen und strengere Vorschriften verlangen. Indien ist einer der führenden Hersteller von Nachahmer-Medikamenten, sogenannter Generika.

"Wir haben unsere Beamten angewiesen, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, um Anfang 2011 ein solches Abkommen abzuschließen", sagte Singh. Der indische Regierungschef steht wegen des Vorhabens jedoch auch im eigenen Land in der Kritik. Vor allem kleine Bauern und Ladenbesitzer fürchten um ihre Zukunft. "Ich bin aber überzeugt, dass wir genügend Sicherungen einbauen können, um ihre Interessen zu wahren", sagte Singh. Die EU fordert, auch den bisher geschützten indischen Einzelhandel für Auslandsinvestoren zu öffnen – dann könnten auch europäische Handelskonzerne in Indien Fuß fassen. Dieser Punkt war bisher strittig.

Indien gilt wegen seiner Größe und seines hohen Wachstums als wichtiger Zukunftsmarkt, gerade auch für die deutsche Industrie. Nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) hat sich der indisch-deutsche Gesamthandel seit Ende der 1990er Jahre vervierfacht und lag 2009 bei 13 Milliarden Euro. Die deutschen Exporte haben sich in diesem Zeitraum mehr als verfünffacht, auf zuletzt acht Milliarden Euro. Allerdings beklagt die Wirtschaft seit langem hohe Hürden beim Marktzugang in Indien, also Einfuhrzölle und Zusatzabgaben sowie andere Handelshemmnisse, wie etwa Normen.

Van Rompuy sagte, die EU und Indien seien entschlossen, ihre Beziehungen zu vertiefen und über Handelsfragen hinaus auszubauen. In einer gemeinsamen Erklärung vereinbarten beide Seiten eine engere Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus und der Piraterie. Der EU-Ratspräsident sprach von einem "neuen Kapitel der Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen".

Singh sagte, Indien begrüße die "gewachsene Rolle Europas auf der Weltbühne". "Ein starkes und wohlhabendes Europa, mit dem Indien gemeinsame Werte teilt, ist von entscheidender Bedeutung für die Stabilität der internationalen Ordnung." Er bekräftigte die Forderung, die Vereinten Nationen und insbesondere der UN-Sicherheitsrat müssten der Realität von heute angepasst werden. Indien fordert einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Singh erhofft sich von der EU Unterstützung für diesen Wunsch.