Die Macht der großen Energiekonzerne brechen, die Stromerzeugung auf regenerative Energien umstellen und dezentral organisieren: So sieht der Traum grüner Energieexperten aus. Die kleine Gemeinde Schönau im Schwarzwald gilt als Vorbild – sie begann schon vor zehn Jahren, die Stromversorgung in die eigene Hand zu nehmen und so den Umbau der Energiewirtschaft voranzutreiben.

Wie schwierig jedoch ein solches Vorhaben ist und wie machtvoll die Energiekonzerne agieren, zeigt das Beispiel Kassel: In 24 Gemeinden des nordhessischen Landkreises wird der Schritt zu einer echten Rekommunalisierung der Energieversorgung wohl nicht unternommen. Dabei war die Gelegenheit dafür günstig: Ende 2011 laufen die Konzessionsverträge aus, welche die Kommunen mit dem Betreiber der örtlichen Netze, E.on Mitte, geschlossen hatten. Um die neuen Verträge hatten sich neben dem alten Betreiber auch die Städtischen Werke Kassel (SWK) und das örtliche Unternehmen Energie Waldeck-Frankenberg (EWF) beworben.

Beide werden jedoch offenbar nicht zum Zuge kommen. Monatelang hatten die Bürgermeister aus dem Kasseler Umland beraten, nun haben sie eine Entscheidung gefällt: Sie empfehlen den jeweiligen Stadtparlamenten, am bisherigen Betreiber E.on Mitte festzuhalten. Zwar sprechen sie sich für die Gründung eines regionalen Versorgungswerkes aus, an dem die Kommunen mit mindestens 51 Prozent beteiligt werden sollen. Mit fast der Hälfte der Anteile bleibt aber der alte Betreiber an Bord: der Stromkonzern E.on.

Was Kritiker zudem erzürnt: Auch die Städtischen Werke Kassel hatten ein Konzept vorgelegt, das eine Kooperation mit einem zu gründenden regionalen Versorgungswerk vorsieht. Doch das Unternehmen zog den Kürzeren. Deren Vorstandschef Andreas Helbig nennt dies "bedauerlich" und wirft E.on vor, in der Region "ganz andere Interessen zu verfolgen, als die regionalen Strukturen zu stärken". So setze E.on bei den erneuerbaren Energien auf Großprojekte in industriellem Maßstab – regionale Projekte, die für ein Stadtwerk lohnend seien, seien dem Konzern zu klein und würden nicht realisiert.

Auch die Grünen reagieren auf den Beschluss mit Wut. "Die Bürgermeister sind mutlos und sehen offensichtlich die gewaltige Chance nicht, die in ihren Händen liegt", kritisiert Edmund Borschel, Grünen-Vorsitzender in Baunatal, der mit rund 28.000 Einwohnern größten Stadt im Landkreis. Borschel und seine Partei fordern, sich komplett von E.on zu lösen. "Übernimmt die Kommune den Betrieb des Stromverteilnetzes, hat sie großen Einfluss auf die Energiepolitik vor Ort."

Die Grünen und auch kommunale Stadtwerke argumentieren, dass regionale Stromproduktionsanlagen, insbesondere solche mit erneuerbaren Energieträgern, besser eingebunden werden könnten, wenn auch das Netz in regionaler Hand ist. Zudem profitiert die Gemeinde finanziell: Betreibt sie das Netz selbst oder ist am regionalen Betreiber beteiligt, fließen ihr Erträge zu, die durch die Netze erwirtschaftet werden.