Frage: Herr Enderlein, die EU will ab Donnerstag einen weiteren Rettungsmechanismus für angeschlagene Euro-Staaten beschließen. Ist die Schuldenkrise damit zu Ende?

Henrik Enderlein: Ich fürchte nicht. Schon Anfang 2011 müssen viele Länder neue Anleihen auflegen, um ihre Schulden zu finanzieren. Allein Italien braucht in den ersten Monaten 100 Milliarden Euro. Dann könnte es zu neuen Verwerfungen kommen.

Frage: Springen die Regierungschefs zu kurz?

Enderlein: Das ist zu befürchten, und Deutschland trifft eine nicht unwesentliche Mitschuld. Die Bundesregierung agiert seit dem Frühjahr mit sibyllinischer Doppelzüngigkeit: Einerseits gibt sie sich als Verfechter Europas, andererseits äußert sie bei allen Initiativen zur Euro-Stabilisierung erst einmal Skepsis und stellt Maximalforderungen. Das hat die Finanzmärkte massiv verunsichert und die Krise verschärft.

Frage: Warum?

Enderlein: Die Anleger wissen nicht, wo Deutschland steht. Ich höre oft: Bei den Forderungen nach einer Beteiligung privater Investoren oder nach Sanktionen für Schuldenländer schwingt doch immer die Drohung mit, dass Deutschland am Ende die Währungsunion scheitern lassen will, weil man aus innenpolitischen Gründen den Euro nicht mit zusätzlichem Geld stützen kann. Die Investoren haben registriert, dass Angela Merkel keine überzeugte Europäerin ist. Die Ablehnung gemeinsamer Anleihen aller Euro-Staaten ist dafür das jüngste Beispiel.

Frage: Merkel sagt, sie wolle nicht, dass sich andere zulasten Deutschlands verschulden.

Enderlein: Das ist prinzipiell ja richtig. Dann brauchen wir aber eine stärkere Instanz in Europa, der wir erlauben, in die Wirtschaftspolitik der Mitgliedsstaaten hineinzuregieren. Deutschland hat eine europäische Wirtschaftsregierung aber immer abgelehnt und auf Automatismen oder Regeln gesetzt. Das funktioniert nicht: Irland und Spanien haben den Stabilitätspakt eingehalten. Was uns fehlt, ist ein stärkeres politisches Europa. Europa und der Euro haben keine Lobby mehr.

Frage: Wird der Euro daran scheitern?

Enderlein: Das ist nicht auszuschließen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder lassen wir die Währungsunion scheitern und damit die Einigung Europas insgesamt. Oder wir treten die Flucht nach vorne an und vertiefen die Union. Mit dem Ziel, dass es bald eine gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik gibt.

Frage: Signalisiert man damit den Schuldenstaaten nicht: Die reichen Deutschen retten euch, egal wie unsolide ihr wirtschaftet?

Enderlein: Dieses Signal darf nicht kommen. Aber wir schaffen das nicht auf die harte Tour, indem wir mit Stimmrechtsentzug drohen oder mit EU-Ausschluss. Am Ende kann uns nur eine gemeinsame Politik retten. Wir brauchen Mindeststandards in der Wirtschaftspolitik, die für alle gelten. Dumping-Körperschaftssteuern wie in Irland, ein zu früher Rentenbeginn wie in Griechenland oder Jahre der Lohnzurückhaltung wie in Deutschland kann es dann nicht mehr geben. Europa muss steuern, nicht mehr nur koordinieren.