Die Lage ist angespannt: Schon im Dezember lagen die Preise für Lebensmittel auf dem Weltmarkt über dem Niveau des Krisenjahres 2008, wie ein am Mittwoch veröffentlichter Index der FAO zeigt. Von Oxfam zusammengetragene Daten zeigen, dass die Welt zurzeit mehr Weizen und Mais verbraucht, als sie produzieren kann. Nur bei Reis ist die Lage noch vergleichsweise entspannt, doch insgesamt sinken die Getreidevorräte.

"Je nach Region haben wir Überschwemmungen, Dürren oder extreme Kälte. Suchen Sie sich eine Jahreszeit aus! Wir haben alle. Wenn das in normalen Zeiten so wäre, könnten wir es verkraften. Aber jetzt haben wir gerade eine ganze Serie von Extremwetter-Ereignissen hinter uns. Das macht die Situation schwierig", sagt FAO-Experte Abbassian.

Der harte Frost, der in manchen Regionen der USA und Chinas herrscht, könnte die Saat des Wintergetreides beschädigen, fürchten Getreidehändler. Argentinien hingegen, ein wichtiger Mais- und Sojaexporteur, erlebt gerade einen Rekordsommer mit starker Hitze und Trockenheit. Für den Weizenmarkt mag das südamerikanische Land nicht so wichtig sein. Aber "eine weitere Dürre ist das Letzte, worüber die Märkte sich jetzt Gedanken machen wollen", sagt Abbassian. Die Weizenernte Russlands wird im kommenden Sommer ohnehin niedriger ausfallen als in vergangenen Jahren. Nach der Hitzewelle brachten die Landwirte ihre Saat dort erst mit Verspätung auf die Felder.

Dass die russische Regierung ihr Exportverbot für Weizen bisher aufrechterhalten hat, verschärft die Knappheit zusätzlich. Und auch Spekulanten tragen dazu bei, die Preise hoch zu halten . "Allein mit Fundamentaldaten lässt sich das Ausmaß des Anstiegs nicht erklären", sagt Oxfam-Expertin Wiggerthale. Gerade weil Nahrungsmittel knapp sind, haben Banken, Pensions- und Hedgefonds sie als lukratives Anlageobjekt entdeckt. Die Spekulation macht Weizen oder Mais nicht nur teurer, sie verstärkt auch die Preisausschläge auf den Märkten.

Die FAO rechnet weiter mit steigenden Preisen. Dennoch sind sich die Experten einig: Eine neue Nahrungskrise sei das noch nicht. Man werde etwas abwarten müssen, ob nun vermehrt Exportbeschränkungen in anderen Ländern die Situation verschärften, sagt Ökonom von Braun. FAO-Fachmann Abbassian stimmt zu: "Wir müssen sehen, wie sich die Dinge entwickeln." Erst, wenn die Ernten in anderen Produktionsländern schlecht ausfallen, werde die Lage "sehr brenzlig", sagt auch Oxfam-Expertin Wiggerthale.

Unterdessen hat das australische Wetteramt vor weiteren starken Regenfällen im Nordosten des Landes gewarnt. Drei Monate lang sollen sie noch anhalten. Die Lage an den Getreidemärkten wird sich so schnell nicht entspannen.