Zu meinem 50. Geburtstag im September habe ich das erste Mal vier Wochen Urlaub gemacht. Das war ein Fehler. Ich konnte in dieser Zeit keinen Termin wahrnehmen und es kam kein Geld rein. Als ich zurückkam, merkte ich das schon.

Die Leute denken immer wieder, ich sei eine Art Eventmanager, weil ich auf meiner Homepage Beerdigungen, Hochzeiten oder Jubiläen anbiete. Ich bin aber freier Theologe und gestalte die Zeremonie, nicht mehr. Wenn ich für eine Hochzeit gebucht werde, halte ich eine Rede und vermähle das Brautpaar symbolisch miteinander. Ich fordere sie auch auf, die Ringe zu tauschen. Manchmal, wenn die Kunden es wünschen, zitiere ich während Trauerfeiern oder Trauungen aus der Bibel. Schließlich bin ich ein voll ausgebildeter evangelischer Theologe und offiziell immer noch Pastor im Ehrenamt.

Viele meiner Kunden sind aus der Kirche ausgetreten, was ich gut verstehen kann. Andere sind zwar noch in der Kirche, fühlen sich dort aber nicht mehr wohl. Oder sie dürfen nicht mehr kirchlich heiraten, zum Beispiel weil sie bereits geschieden sind. Deshalb kommen sie zu mir. In meinen Zeremonien geht es eher um die Lebensgeschichte der Menschen, nicht um Religion. Das Vorgespräch ist das Wichtigste. Obwohl ich meinen Kunden vor der Feier nie den Entwurf meiner Rede schicke, hat sich bisher erst einmal jemand beschwert. Er meinte, sein verstorbener Vater sei in Wirklichkeit ganz anders gewesen. Leider war er damals beim Vorgespräch nicht dabei.

Beerdigungen mache ich normalerweise in der Trauerhalle eines Friedhofes. Bei Hochzeiten sind die Wünsche der Kunden individueller. Viele möchten an einem Ort heiraten, der ihnen wichtig ist. Die meisten meiner Kunden kommen aus dem Ruhrgebiet. Ich wurde aber auch schon in den Papstpalast von Avignon und an den Strand von Formentera bestellt. Da bin ich offen, das gilt auch für meine Kleidung. Meistens komme ich einfach im Anzug, manchmal aber auch in der offiziellen Kleidung des Pfarrers. Schon mehrfach habe ich Paare in mittelalterlicher Gewandung vermählt. Ich bin ein Dienstleister.

Für eine Hochzeit nehme ich 500 Euro plus 100 Euro für das Vorgespräch. Außerdem kommt noch Kilometergeld hinzu. Dafür investiere ich etwa sieben bis zehn Stunden Arbeit. Für eine Trauerfeier in Duisburg bekomme ich 200 Euro, sonst etwas mehr. Wenn sozial Schwache zu mir kommen, dann verlange ich deutlich weniger oder manchmal sogar gar kein Geld.

Mein Weg in die Selbstständigkeit war hart. Aber ich hatte damals kaum eine Alternative. Als ich 1998 das zweite kirchliche Examen und die Probezeit als Pastor im Hilfsdienst hinter mir hatte, gab es nur wenige freie Pfarrstellen in der evangelischen Kirche. Das Arbeitsamt war überfordert. Was soll man schon mit einem Theologen anfangen? Also habe ich einfach Visitenkarten an Bestatter aus der Umgebung verteilt. Schon ein paar Tage später rief einer an und fragte, ob ich eine Trauerfeier übernehmen könne. Das war meine erste selbstständige Beerdigung. Ungefähr zur gleichen Zeit habe ich auch meine erste freie Hochzeit zelebriert. Da habe ich mir gedacht: Die Selbstständigkeit könnte vielleicht ein Weg sein.

Am Anfang hatte ich viel zu wenige Aufträge, um davon leben zu können. Ich habe mich oft gefragt, ob es nicht besser wäre, mir einen anderen Job zu suchen. Ohne das Einkommen meiner Frau hätte ich es nicht geschafft. Erst am Ende des zweiten Jahres sprach sich meine Arbeit langsam herum.

Heute habe ich etwa 220 bis 250 Trauerfeiern pro Jahr und ungefähr 30 bis 40 Trauungen. Das reicht zwar, um gut von meiner Arbeit zu leben. Leider schaffe ich es aber kaum, für das Alter vorzusorgen. Von meinen Einnahmen – durchschnittlich etwas mehr 5000 Euro im Monat – muss ich die Kosten für das Auto, die Krankenversicherung und Steuern abziehen. Außerdem studieren meine Tochter und der Sohn meiner Frau. Da bleibt nicht viel übrig. Ich habe eine Lebensversicherung und wir haben ein Haus, das noch nicht abbezahlt ist. Ich suche immer noch nach der richtigen Balance zwischen einem ausreichenden Einkommen und genug Freizeit.