Am Golf von Mexiko soll demnächst wieder nach Öl gebohrt werden dürfen. Das Innenministerium hat einer Gruppe von Erdölunternehmen die Wiederaufnahme ihrer Arbeit dort genehmigt. Überraschend kommt der Schritt nicht: Bereits im Oktober, ein halbes Jahr nach der Explosion der Ölbohrplattform Deepwater Horizon, hatte die US-Regierung ein Ende des Moratoriums verkündet. Die Zeit sei gekommen, der Branche eine zweite Chance zu geben, sagte damals Innenminister Ken Salazar – falls sie neue, schärfere Anforderungen der Aufsichtsbehörde erfülle.

Tatsächlich änderte sich nach dieser Ankündigung aber nichts: Die Förderung von Öl und Gas vor den Küsten der US-Staaten Texas, Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida ruhte weiterhin. Schuld daran habe die Regierung, kritisierte die Ölindustrie. Washington weigere sich, die nachgereichten Dokumente zu prüfen und den Papierberg abzutragen. Von einem "De-facto Moratorium" war bereits die Rede.

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Stimmt nicht, antwortete das neu geschaffene Bureau of Ocean Energy Management, Regulation and Enforcement, eine Abteilung des Innenministeriums. Die Prüfung von Förderanlagen, Abdichtköpfen, Sicherheitszertifikaten, Notfallplänen, ferngesteuerten Robotern und dem Ausbildungsstand der Angestellten erfordere nun einmal viel Zeit. Schließlich sei die Bevölkerung nach der wohl größten Ölpest in amerikanischen Küstengewässern verunsichert und verlange nach einer strengeren Aufsicht.


Bei den Unternehmen, die jetzt wieder bohren dürfen, handelt es sich um Tochtergesellschaften von Multis wie Chevron, Shell und Statoil, Sie waren bereits im Besitz von gültigen Bohr-Lizenzen, als Konkurrent BP im vergangenen April weltweit für Schlagzeilen sorgte. Nach Angaben des Innenministeriums müssen die 13 Firmen keine vollständig neue Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen, weil sie sich auf altes Recht berufen können. Die Aufsichtsstelle zeigt sich deshalb mit nachgereichten Dokumenten zufrieden, die sich primär um Sicherheitsfragen drehen. Fachleute gehen davon aus, dass die Ölförderer diese Hürde bereits in einigen Wochen nehmen werden, obwohl sich das Bureau of Ocean Energy Management, Regulation and Enforcement über den zeitlichen Rahmen ausschweigt.

Umweltverbände halten der Regierung von Präsident Barack Obama vor, sie habe keine Lehren aus der BP-Katastrophe gezogen. Die Öl-Branche habe im vergangenen Jahr nachdrücklich bewiesen, dass auf die Herausforderungen von Tiefsee-Bohrungen vollkommen unvorbereitet sei, sagte Tyson Slocum von der Umweltorganisation Public Citizen.  Elgie Holstein, Mitarbeiter des Environmental Defense Fund, äußerte sich erstaunt darüber, dass das Innenministerium den Bewilligungsprozess zweigeteilt habe und einige wenige Unternehmen einer Sonderbehandlung unterziehe. Unter dem Strich allerdings sei der Schritt des Ministeriums nachvollziehbar, spüre die Golfküste doch den ökonomischen Druck, sagte Holstein. Tatsächlich zirkulieren in Washington schon lange düstere Prognosen über die Wirtschaft der Südstaaten, in denen die Energieindustrie ein wichtiger Pfeiler ist. Zehntausende von Jobs seien gefährdet, unkten lokale Parlamentarier, falls das Innenministerium die rund 50 Bohr-Gesuche nicht bearbeite, die sich in Washington stapeln.