Geldpolitik: "Wir sind wie ein Alkoholkranker"

Die Geldschwemme der Notenbanken führt zu immer neuen Krisen, warnt der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger im Interview und fordert radikale Reformen.

ZEIT ONLINE: Herr Binswanger, hat man es als Wachstumskritiker in einer Zeit, in der die Welt nur knapp einer Depression entkommen ist, leichter oder schwerer als sonst?

Hans Christoph Binswanger: Ich fürchte schlicht, dass es noch ein, zwei Krisen braucht, bis wir erkannt haben, dass wir auf ernste Probleme zusteuern.

ZEIT ONLINE: Was kritisieren Sie?

Binswanger: Der moderne Kapitalismus basiert in immer stärkerem Maße auf dem Prinzip der Geldschöpfung. Durch die Abkehr von jeglicher Goldbindung Ende der siebziger Jahre wurde der Geldvermehrung freier Lauf gelassen. Die Banken können fast unbegrenzt Kredite in die Welt setzen und damit Buchgeld schaffen, also Guthaben auf den Girokonten, über die heute jeder verfügt. Die Geldmenge ist dadurch rapide gewachsen. Gegenwärtig sind nur noch rund fünf Prozent des Geldes Banknoten der Zentralbank, rund 95 Prozent ist Buchgeld der Banken. Das Geld wandert um den Globus und führt zu Spekulation, Rivalität und Krisen...

ZEIT ONLINE: ... und es dient dazu, Unternehmen zu finanzieren, die mit ihrer Idee an den Markt wollen.

Binswanger: Teilweise. Ein immer größerer Teil fließt heute in die Finanzwirtschaft. Deshalb entstehen die spekulativen Blasen, die, wenn sie platzen, Wirtschaftskrisen zur Folge haben. In der Finanzwirtschaft sitzen auch die Profiteure. Noch im Jahr 1980 lag das Verhältnis der Einkommen eines Arbeiters zu den höchsten Einkommen in den USA bei 1:41. Heute beträgt es 1:560. Die uferlose Geldschöpfung hat vor allem jenen genutzt , die im Finanzsektor engagiert waren.

ZEIT ONLINE: Die Zentralbanken erschaffen seit der Krise noch mehr Geld, um die Wirtschaft zu stützen.

Binswanger: Ja. Eine gefährliche Entwicklung. Es mag uns kurzfristig vor dem Absturz bewahren, langfristig aber bringt es uns immer größere Probleme.

ZEIT ONLINE: Warum?

Binswanger: Weil unsere Abhängigkeit vom Geld weiter wächst. Wir sind wie ein Alkoholkranker. Der bekommt qualvolle Entzugserscheinungen, wenn man ihm den Alkohol entzieht. Würden die Zentralbanken die Zinsen stark erhöhen und die Geldschöpfung plötzlich bremsen, würde es uns ähnlich ergehen. Das System würde kollabieren. Deshalb sieht sich die Zentralbank gezwungen, immer mehr Geld bereitzustellen. Das aber macht das System noch krisenanfälliger. Ein Teufelskreis. Es werden sich weitere Blasen bilden, die irgendwann platzen und großen Schaden anrichten.

ZEIT ONLINE:Nicht jede Blase ist schlecht . Manche führen dazu, dass sich Branchen erst entwickeln können – etwa die Internetbranche in den USA am Ende des vergangenen Jahrhunderts.

Binswanger: Man darf den Schaden nicht übersehen. Die Folge der Krisen der Vergangenheit sind doch bekannt: steigende Arbeitslosigkeit, eine höhere Staatsverschuldung und ein Absturz der Wirtschaftsleistung. Die Niedrigzinspolitik der Notenbanken ist übrigens auch einer der Gründe für die Schuldenkrise, die wir erleben: Weil die Zinsen jahrelang niedrig waren, konnten sich die Staaten billig verschulden. Wir müssen aus diesem Kreislauf aussteigen.

ZEIT ONLINE: Warum ist es nicht möglich, das Geld einfach wieder abzuziehen?

Binswanger: Würden die Zentralbanken das tun, bräche alles zusammen. Das einzige, was am Ende helfen wird, ist eine Entschuldung, bei der die Gläubiger ein Teil ihrer Ansprüche verlieren. Das wäre der erste Schritt, um die Fiktionen am Finanzmarkt kleiner werden zu lassen. Uns muss klar sein, dass viele Werte am Finanzmarkt fiktiv sind. Es sind Luftbuchungen, die an den Märkten gehandelt werden, die aber keinen realen Gegenwert besitzen. Wenn das Geld plötzlich weg ist, staunen die Leute: Wer hat denn jetzt mein Geld? Die Antwort ist: niemand. Es war ja nie wirklich da.

Kommentare

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Schöner Text!

Da hat es sich ja wieder gelohnt, Die Zeit anzuklicken! Nur wird so eine einsame Schwalbe in Deutschland leider keinen Sommer machen. Denn die einen sind zufrieden damit, dass sie den Wertzuwachs der Gesellschaft - den heutigen und den künftigen - in diesem System absaugen und in Segeljachten und Drittwohnsitzen in der Karibik abzweigen können. Und die anderen sind nach Jahrzehnten mit privater Fernsehverblödung (und zunehmend öffentlich rechtlicher dito) zu dämlich, um etwas gegen dieses System zu unternehmen.

Ein interessanter Vergleich

Geld, das von seiner realen Bedeutung nützt, wird für die Befriedigung der Wünsche nichts beitragen, die sich die Geld-Sammler davon erhoffen und so kommt ein mit der Alkoholabhängigkeit vergleichbarer Strudel in Gang, wo das mehr nicht mehr befriedigt sondern nur die Angst vor dem Verlust vermehrt. Was man nicht bekommt, wird zu einem nicht mehr tragbaren Verlust, ohne dass es zu einer Überprüfung der realen Konditionen kommt.
Die Jags nach Geld zeigt in den internationalen Börsen vor allem Phänomene, die wir aus psychopathischen Konstellationen kennen.
Geld gibt keine Macht, nur weil sich Helfer jeglicher Art damit bezahlen lassen. Geld befrieigt nicht, weil es weder Nährwert hat noch die Sehnsucht nach Bedeutung wirklich befriedigen kann.
Was ich kaufen kann, gehört mir ist eine Vorgabe, die von der Duldung derjeniger lebt, die nicht kaufen können.
Reichtum ist immer auf die Akzeptanz der Armut angewiesen und hat so von vornerherein eine assoziale Wertekonstellation.
Besitz heisst immer auch anderen vorenthalten und verhindert vor allem dort Gemeinsamkeiten, wo sie existentielle Bedingung für das Überleben sind.
Die Philosophie der Bereicherung hat auch für sie existentiell gefährliche Lücken in der Verifikation, dass die Begüterten gerne auf Regeln zurückgreifen, die sie verteidigen, weil sie ihnen nützen und dabei oft in Versuchung geraten, ihre Selbstherrlichkeit mit einer generellen Gerechtigkeit gleich zu setzen.

Geld vs. Geld

Das Übel ist, dass das fiktive Geld, das die Banken in Massen um den Globus schieben, um es noch massiger zu machen, leider am Ende genauso viel wert ist, wie das Geld, das einer z.Bsp erarbeitet hat, in die Rente eingezahlt hat, oder einer gespart hat. Zuhause oder bei einer Bank.
Denn beide, Spekulanten oder Arbeiter, können es zum gleichen Kurs in Waren etc. tauschen.

Eigentlich ist ein gigantischer Betrug an der arbeitenden Bevölkerung.
Dass es ermöglicht wurde, mit fiktiven reinen Zahlengeschäften, Reichtum zu generieren, das letztlich den gleichen Wert hat wie Arbeit.
(Denn anders als früher müssen diese Zahlengeschäfte nicht mehr mit realen Sicherheiten belegt werden. Das macht es erst möglich.)