Frage: Zumindest kommt der Aufschwung bei der Bevölkerung an. Die nächsten Tarifrunden versprechen kräftige Lohnerhöhungen.

Miegel: Die Lohnerhöhungen werden den Menschen nur kurzfristig weiterhelfen. In zwölf Monaten werden wir feststellen, dass sich die Kaufkraft der Menschen nicht verändert hat. Die Lohnerhöhungen werden durch Belastungen geschluckt werden, etwa für Sozialabgaben, höhere Energiepreise und Umweltsteuern. Das ist das Spiel, das wir seit 20 Jahren spielen. Diesmal kommt noch hinzu, dass die Geldmenge extrem gestiegen ist , wir also eine größere Inflation haben werden.

Frage: Derzeit bejubeln die Politiker den deutschen Arbeitsmarkt . Aber wenn man Ihnen glaubt, dann ist Arbeitslosigkeit in fünf oder zehn Jahren ohnehin das geringste Problem

Miegel: Der Arbeitsmarkt bereitet mir in der Tat die wenigsten Sorgen. Die Arbeitslosigkeit wird bei vier Prozent liegen, das ist Friktionsarbeitslosigkeit. Wir haben dann also quasi Vollbeschäftigung.

Frage: Ohne Wachstum soll es so viele Arbeitsplätze geben?

Miegel: Das, was wir unter technischem Fortschritt und Produktivitätszuwachs verbucht haben, bestand hauptsächlich auf Ressourcenausbeutung. Wir werden aber ressourcensparender produzieren müssen. Das bedeutet, dass der Faktor Arbeit verglichen mit den anderen Produktionsfaktoren preiswerter wird. Die Nachfrage nach Arbeitskräften wird also steigen. Jeder wird aber auch mit anpacken müssen.

Frage: Das klingt nach einer schweren Zeit. Wie kann sich die Gesellschaft auf diese tiefgreifende Veränderungen vorbereiten?

Miegel: Letztendlich sind das automatische Prozesse. Aber man muss der Bevölkerung sagen, dass es bald kein Wachstum mehr geben und es so nicht lange weitergehen wird. Es darf nicht so etwas wie eine Schockstarre geben. Die Bevölkerung darf nicht in Panik verfallen, man muss sie also darauf vorbereiten. Und die Bundesregierung versucht das derzeit ja auch sehr zaghaft.