Frage: Aber derzeit feiern doch alle Politiker den deutschen Aufschwung. Die von ihnen geforderte Debatte versandet doch.

Miegel: Es wird nicht mehr so sein wie in der Vergangenheit. Der Club of Rome, der in den 70er Jahren vor den Grenzen des Wachstums gewarnt hat, galt noch als Exoten-Veranstaltung. Das ist heute anders. Die Kanzlerin hat erklärt, dass wir eine Wirtschaft betreiben, die ihre eigenen Erfolge zerstört. Das Problem ist also sogar bei unserer Regierung angekommen. Insofern bin ich eigentlich optimistisch.

Frage: Die CDU hat einen Gesprächskreis über eine mögliche Gesellschaft ohne Wachstum gegründet. Allerdings ist sie darüber sehr verschwiegen – man erfährt offiziell noch nicht einmal, wer daran teilnimmt

Miegel: Die CDU ist in diesem Punkt sehr zerrissen: Auf der einen Seite gibt es wichtige Menschen, die über dieses Thema debattieren wollen. Aber es gibt auch einflussreiche Kreise, die noch im alten Wachstumsdenken verhaftet sind. Das gilt auch für die CSU. Da wird eine breite Debatte verhindert. Obwohl deren Grundsatzkommission ganz klar gesagt hat, dass wirtschaftliches Wachstum neu überdacht werden muss.

Frage: Mit Versprechen auf Nullwachstum lassen sich auch keine Wahlen gewinnen.

Miegel: Gerade deswegen müssen Politiker erklären, dass geringe Wachstumsraten eigentlich normal sind. Die Menschheit hat lange ohne wirtschaftliches Wachstum existiert. Die vergangenen 200 Jahre waren eine Ausnahme. Es wird ja auch weiterhin gesellschaftlichen Fortschritt und Innovationen geben, aber der muss qualitativ sein und nicht quantitativ. Die Leute, die sagen, wir bräuchten unbedingt Wachstum, argumentieren etwa so: Wenn wir die Qualität unserer Schlager steigern wollen, müssen wir nächstes Jahr 1030 Schlager statt 1000 komponieren. Aber dieses Argument ist doch unhaltbar.

Erschienen im Tagesspiegel