ZEIT ONLINE: Die Gewerkschaft EVG, die Deutsche Bahn und die so genannten G6, also die sechs großen Privatbahnen in Deutschland, haben sich vorige Woche auf einen Rahmentarifvertrag im Regionalverkehr geeinigt. Herr Weselsky, was ist an dem Vertrag so schlecht, dass sich die GDL nicht anschließt?

Claus Weselsky: Dazu müsste ich den Vertrag überhaupt erst einmal gelesen haben. Ich kenne jedoch nur die groben Fakten, die in der Presse kursieren. Die Gegenseite will uns die Details nicht nennen und verweist auf Vertraulichkeit.

Klar ist: Unterschiedliche Lohnniveaus bei den privaten Bahnen und der Deutschen Bahn, wie es der EVG-Vertrag offensichtlich vorsieht, sind für uns ausgeschlossen. Wir fordern den gleichen Lohn für alle Lokführer in der Republik.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen von Löhnen und Gehältern. Geht es aber in den Verhandlungen nicht vielmehr um die Macht und den Einfluss der GDL?

Weselsky: Unsinn. Ich trage keinen Kampf mit der EVG aus. Das Thema ist seit 2008 erledigt. Die GDL ist für die Lokführer zuständig, innerhalb der Deutschen Bahn AG haben wir einen Grundlagen-Tarifvertrag. Ich bin allerdings entsetzt darüber, dass drei Jahre nach der Auseinandersetzung jetzt die privaten Bahnen diese Frage noch einmal beantwortet haben wollen... 

ZEIT ONLINE: ... also die Frage der Anerkennung der GDL als Gewerkschaft, die berechtigt ist, die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten.

Weselsky: Genau. Hier wiederholt sich Geschichte. Und das Beste daran: Mit einem großen Teil dieser Unternehmen hatten wir bereits Haustarifverträge geschlossen, die wir gekündigt haben. Die G6 haben uns ein halbes Jahr lang vorgegaukelt, sie verhandelten mit uns konstruktiv. Jetzt plötzlich teilen sie uns mit, dass sie mit uns keinen Rahmentarifvertrag für Lokführer abschließen werden, weil das die EVG gemacht habe. Aber die Lokführer sind Mitglieder in der GDL und nicht in der EVG. Ich sage deshalb ganz deutlich: Für diese schließen wir die Tarifverträge ab.

ZEIT ONLINE: Der EVG-Vertrag bezieht sich nur auf den Regionalverkehr. Sie wollen einen Rahmenvertrag auch für den Fernverkehr. Wozu braucht es den für dieses Segment – dort ist die Deutsche Bahn doch ohnehin quasi Monopolist?

Weselsky: Es geht nicht um dieses oder jenes Segment. Wenn man einen Flächentarifvertrag installiert, segmentiert man nicht in verschiedene Arten von Lokführern. Das Einkommen hat für alle gleich zu sein, weil ihre Tätigkeit und ihre Qualifikationen vergleichbar sind. Heute gibt es zwar noch keinen Wettbewerb im Fernverkehr. Aber morgen schon. Im nächsten Jahr gehen die ersten Wettbewerber an den Start.

ZEIT ONLINE: Sie fordern, den Beruf des Lokführers für Hauptschulabgänger unzugänglich zu machen. Warum?

Weselsky: Heute gibt es zwei Wege, Lokführer zu werden: einerseits den Ausbildungsberuf "Eisenbahner im Betriebsdienst mit Schwerpunkt Lokführer" mit drei Jahren Ausbildungszeit und einem Berufsabschluss, andererseits eine Erwachsenen-Qualifizierung ohne jegliche Voraussetzungen. Dort werden Leute nach neun Jahren Hauptschule ohne weitere Berufsausbildung zum Lokführer gemacht. Eine frühere Bäckereifachverkäuferin fährt dann plötzlich eine Lokomotive. Das geht nicht, denn Lokführer üben eine sicherheitsrelevante Tätigkeit aus, und das setzt ein gewisses Qualifikationsniveau voraus.