Vor dem Landgericht München bestritt der frühere Siemens-Vorstand Thomas Ganswindt, von Korruption im Konzern gewusst zu haben. "Diese Handlungen kennt er aus eigenem Erlebnis nicht", sagte sein Anwalt Michael Rosenthal. Sein Mandant habe von den Vorgängen erst aus der Anklageschrift erfahren.

Die Staatsanwaltschaft wirft Ganswindt vor, von den schwarzen Kassen und den Schmiergeldzahlungen im einstigen Telekommunikationsbereich gewusst und sie ignoriert zu haben. Deshalb wird ihm wegen des Vorwurfs der Verletzung der Aufsichtspflicht und des Verdachts der Steuerhinterziehung der Prozess gemacht.

Vor Gericht zeichnete sich ab, dass sich Ganswindt nicht geschlagen geben will. Noch bevor der Staatsanwalt die 39-seitige Anklageschrift überhaupt vorlesen konnte, wandten Ganswindts Anwälte ein, die Kammer sei mit zwei Berufsrichtern zu dünn besetzt. Angesichts einer bevorstehenden "aufwändigen und kontroversen Beweisaufnahme" sei ein dritter Richter erforderlich, sagte Anwalt Rosenthal und berief sich dabei auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs.

Weil die Anklage falsch sei, sei mit einer konfrontativen Auseinandersetzung vor Gericht zu rechnen. "Wir verfolgen keine harte Linie, wir sind nur kompromisslos", sagte er am Rande. Auch Verteidiger Kurt Bröckers zeigte sich überzeugt, dass "Herrn Ganswindt kein strafbares Verhalten vorgeworfen werden kann".

Das Gericht vertagte die Verhandlung angesichts des Einwandes auf kommenden Dienstag. Eine Gerichtssprecherin nannte das Vorgehen der Verteidiger eine "Verzögerungstaktik", da die Besetzung der Kammer seit Monaten bekannt gewesen sei.

Ganswindt ist bislang der ranghöchste Siemens-Manager, der sich vor Gericht wegen Korruptionsverdachts verantworten muss. Ganswindt war von 2004 bis 2006 im damaligen Zentralvorstand des Elektrokonzerns für den Telekommunikationsbereich zuständig, in dem der Skandal seinen Anfang genommen hatte. Mehrere seiner früheren Mitarbeiter erhielten wegen der Bestechungsvorgänge bereits Bewährungsstrafen.

Wenn das Gericht ihn wegen vorsätzlicher Verletzung der Aufsichtspflicht verurteilt, könnte eine Geldbuße von bis zu einer Million Euro die Folge sein. Auf Steuerhinterziehung stehen eine Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren.

Siemens verlangt von dem 50-jährigen Ganswindt bereits fünf Millionen Euro Schadenersatz. Siemens hatte ihn und den früheren Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger im Januar in einem Zivilverfahren bereits auf insgesamt 20 Millionen Euro verklagt, weil sie sich weigerten, Schadenersatz zu leisten.

Die Schmiergeld-Zahlungen von Siemens waren die größten in der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte. Insgesamt 1,3 Milliarden Euro flossen, um Aufträge zu akquirieren. Die daraus resultierenden Strafen sowie die interne Aufarbeitung kosteten Siemens etwa 2,5 Milliarden Euro.