Der Termin war sicher bewusst gewählt: Zwei Tage vor dem Beginn eines Prozesses gegen ihn hat der frühere Bankdirektor und selbst ernannte Whistleblower Rudolf Elmer CDs mit Daten von mutmaßlichen Steuerbetrügern an den Gründer der Internet-Plattform Wikileaks, Julian Assange, übergeben. Sie sollen die Namen, Vermögensangaben und Kontenbewegungen von rund 2000 Bankkunden enthalten, die ihr Geld in Offshore-Finanzplätzen angelegt haben und sich so Steuervorteile verschafften. "Wir werden diese Informationen so behandeln, wie wir alle anderen Informationen auch behandeln, die wir bekommen", sagte Assange. "Es wird eine vollständige Offenlegung geben."

Auch der Ort der Präsentation passt zum Thema: Der Londoner Frontline-Club ist ein Treffpunkt von Enthüllungsjournalisten. Der Club gewährte auch dem wegen Vergewaltigungsverdachts gesuchten Wikileaks-Mitgründer Julian Assange Unterschlupf, bis der sich der Polizei stellte.

Nun müssen möglicherweise auch deutsche Steuerpflichtige um ihre Reputation bangen. Die CDs enthielten Angaben zu Bankdaten und andere vertrauliche Informationen zu Multimillionären, internationalen Konzernen und Hedge-Fonds aus zahlreichen Ländern, darunter aus der Schweiz, den USA, Deutschland und Großbritannien. "Die Dokumente zeigen, dass sie sich hinter dem Bankgeheimnis verstecken, um möglicherweise Steuern zu vermeiden", sagt Elmer der Schweizer Zeitung Der Sonntag.

Unter den Kunden seien "bekannte Stützen der Gesellschaft", Geschäftsleute, Kunstschaffende und rund 40 Politiker – auch international bekannte, die ihr Vermögen vor dem Staat versteckten. Die Daten stammten "von mindestens drei Finanzinstituten", sagte Elmer. Die Daten seien aus der Zeit zwischen 1990 und 2009. Informanten hätten sie ihm zugetragen.

Elmer war bis 2004 Direktor der Schweizer Bank Julius Bär – er leitete deren Außenstelle auf den Cayman Islands. Seitdem belastete er mehrfach prominente Bankkunden, Steuern zu hinterziehen – mit Wissen der Bankführung. Wie brisant das nun angekündigte Material wirklich ist, muss sich zeigen. In der Vergangenheit hatten Journalisten den Gehalt seiner Informationen mehrfach in Zweifel gezogen. In der Schweiz fand seine jüngste Ankündigung wenig Beachtung. Nach eigenen Angaben hat Elmer das Material bereits vor Jahren dem damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ohne Geldforderung angeboten, jedoch keine Antwort auf sein Schreiben bekommen.

Wegen seiner Betätigung war er bereits mit der Justiz in Konflikt geraten. An diesem Mittwoch muss er wegen des Verdachts der Verletzung von Bankgeheimnissen und Nötigung vor das Bezirksgericht Zürich. Ab 2007 hatte er schon einmal geheime Kundendaten auf Wikileaks veröffentlichen lassen. In mehreren Ländern konnte die Justiz daraufhin Strafverfahren gegen Steuerhinterzieher eröffnen.