Wann ist Marketing erfolgreich? Wenn sich etwas leicht verkauft, obwohl keiner weiß, was drin ist. Am Montag bewies die Enthüllungsplattform Wikileaks, wie perfekt sie derzeit ihre Informationshappen vermarkten kann. Da trat Julian Assange in London mit einem kleinen, dunkeläugigen Mann vor die Presse. Er habe rund 2000 Datensätze, mit denen er Reichen, Prominenten sowie bekannten Unternehmen Steuerbetrug und andere Verfehlungen nachweisen könne, verkündete der unauffällige Herr mit der runden Brille. Sein Name: Rudolf Elmer.

Vor blitzenden Kameras übergab er dem Wikileaks-Chef zwei CDs. Was wirklich auf den Datenträgern gespeichert ist, weiß bislang niemand. Trotzdem verbreitete sich die Nachricht binnen kürzester Zeit rund um den Globus. Das Material von Rudolf Elmer soll zuerst seriös überprüft werden, sagte Assange. Erst dann erfahre die Öffentlichkeit mehr.

Die Übergabe wurde nicht ohne Grund so zelebriert: Sie diente ganz offensichtlich zur Vorbereitung einer anderen Veranstaltung, die am Mittwoch beginnt. Dann steht Rudolf Elmer, 55, vor dem Bezirksgericht Zürich. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm nicht nur Verletzung des Bankgeheimnisses – ein Offizialdelikt in der Schweiz –, sondern auch Drohung und Nötigung vor. Der ehemalige Top-Mann der Züricher Traditionsbank Julius Bär soll zwei Angestellte in Briefen beschimpft und bedroht haben; sicher ist auch, dass der Ex-Banker gefälschte Dokumente publizierte. Julius Bär wirft ihm ferner Dokumentendiebstahl vor.

Im Prozess geht es um geheime Kundendaten, die Elmer erst an einige Medien gesandt und ab 2007 über Wikileaks gestreut hatte und die Bank Julius Bär in Erklärungsnot brachte. Elmer war bis Ende 2002 Chief Operating Officer der Bär-Niederlassung auf den Cayman Islands gewesen und somit der zweitwichtigste Mann der Bank vor Ort. Dann aber zerrte er die Umgehungsgeschäfte ans Licht, mit denen reiche Kunden den Fiskus hintergangen hatten. Die Öffentlichkeit erfuhr so von einem mexikanischen Polizeichef oder einem brasilianischen Politiker oder einer griechischen Reederin, die mit Schweizer Hilfe auf den Cayman Islands einen diskreten Offshore-Trust gegründet hatten, um sich daraus zu bedienen, als ob es ihr Privatkonto bei ihrer Hausbank wäre. Jetzt steht der Whistleblower vor Gericht.

Der Fall von Rudolf Elmer ist sehr typisch; der stille Mann mit der zerfurchten Stirn steht beispielhaft für die vielschichtigen Motive, die einen Angestellten zum Whistleblower machen. Persönliche Unzufriedenheit, Wut, ein eskalierender Streit, manchmal auch Geldgier verbindet sich mit der Einsicht, dass etwas nicht in Ordnung ist in der eigenen Firma. Rudolf Elmer war im Dezember 2002 von Julius Bär entlassen worden, wobei Zweifel an seiner Zuverlässigkeit wohl eine Rolle spielten. Sein Unternehmen hatte ihn sogar zu einem Lügendetektor-Test gebeten.

Er sei "offensichtlich verärgert und frustriert über unerfüllte Karriereziele gewesen", erklärte die Bank die Entwicklung, die zur Trennung führte. Elmer, so Julius Bär, habe auch Geldforderungen gestellt und als diese nicht erfüllt wurden, eine "persönliche Vendetta" gestartet. Tatsächlich versandte der Ex-Angestellte einige Dokumente über Bär-Kunden an verschiedene Medien, worauf die Bank – so seine Darstellung – Detektive auf ihn ansetzte. Im Juni 2005 schickte Elmer dann der Schweizer Wirtschaftszeitung Cash eine CD mit 169 Megabyte Kundendaten. Wenig später wurde er in Zürich verhaftet, verdächtigt der Verletzung des Bankgeheimnisses. Er saß 30 Tage in Untersuchungshaft. 

Er wurde zum Vorbild für andere

Seither spielt er konsequent die Rolle des Kämpfers gegen die dubiosen Offhore-Systeme der Finanzwelt. Er nannte sich schon Whistleblower, als der Begriff in Deutschland noch gar nicht geläufig war und eröffnete eine eigene Website unter www.swisswhistleblower.com. Im Dezember 2007 streute er weitere Bär-Dokumente über Wikileaks. Die Bank versuchte prompt, die Website von Wikileaks gerichtlich in den USA sperren zu lassen. Ein kalifornisches Gericht zwang den Domain-Verwalter, wikileaks.org abzuschalten, worauf weltweit Spiegelseiten auftauchten und im Netz eine Debatte über Zensur und Meinungsfreiheit begann. Schon wenige Tage später hob dasselbe Gericht die Sperrung von Wikileaks wieder auf.

Es mag sein, dass Julian Assange in nostalgischer Erinnerung an diesen frühen Kampf jetzt Rudolf Elmer den großen Auftritt in London gewährte. Denn immerhin hatte der Schweizer Wikileaks auch Fälschungen untergejubelt – so etwa einen erfundenen Brief der Bank an Angela Merkel. Doch Rudolf Elmer war auch einer der ersten Banker, die mit internen Daten die Mechanik der Steuerhinterziehung öffentlich machten.

Er könnte damit andere animiert haben, seinem Beispiel zu folgen: Männer wie der Kundenberater Bradley Birkenfeld, der den Schweizer Bankgiganten UBS ab 2008 erfolgreich bei der US-Steuerfahndung IRS anschwärzte; wie der Datenbank-Experte Heinrich Kieber, der 2009 Steuerkunden der Liechtensteiner Bank LGT verriet; wie der Informatiker Hervé Falciani, der Ende 2009 mehrere Tausend Konten bei der HSBC Private Bank in Genf auffliegen ließ; oder wie jene Unbekannte, die 2010 deutschen Steuerämtern immer neue Bankdaten anboten – CD für CD, gegen gutes Geld.

Gemeinsam scheint diesen Männern, dass die wilden Bonus-Partys der Finanzwelt an ihnen vorbei gezogen sind. Auch Elmer erhielt in seinen 15 Jahren bei Julius Bär nie mehr als einen guten Kaderlohn. "Vielleicht 220.000 Dollar, Bonus inklusive", erzählt er. Und tatsächlich: Mit seiner nachdenklichen Art und seinen unauffälligen Stangenkleidern stellt man ihn sich im Testosteron-Banking der jüngsten Jahre eher als Fremdkörper vor. Auf der anderen Seite hat Elmer für seine Informationen nie Geld von Steuerbehörden verlangt – das unterscheidet ihn von anderen Whistleblowern.

"Man wächst hinein in ein System, man unterstützt es auch", so beschrieb Elmer im vergangenen Jahr im Gespräch mit der ZEIT seinen Weg. "Dann fallen gewisse Defekte auf. Man beobachtet die Sache genauer und merkt: Das ist ja ein dubioses System." Über seinen alten Arbeitgeber hat er längst nichts Neues mehr zu berichten. Und doch ist Rudolf Elmer immer noch da. Weil er den Banken seit knapp zehn Jahren im Nacken sitzt, melden sich inzwischen neue Whistleblower bei ihm: "Natürlich sind mir auch Informationen zugespielt worden", sagte er einem Schweizer Sonntagsblatt. Ein substanzieller Teil der neuen Dokumente, die er Wikileaks übergebe, "stammt nicht aus meiner Zeit bei Julius Bär".

Der Mann hat sich endgültig verselbstständigt.