Manuel Barroso muss sich nicht vorwerfen lassen, seine Leute hätten nicht gewarnt. Es ist Anfang 2010, in Deutschland ist Aufschwungsstimmung und die Euro-Krise noch weit entfernt, als das Haus des EU-Kommissionspräsidenten eine Studie veröffentlicht, die es in sich hat.

Auf rund 170 Seiten analysieren die Brüsseler Fachleute den Graben, der sich durch Europa zieht. Auf der einen Seite sind die Nordländer wie Deutschland, das in den vergangenen zehn Jahren kaum Lohnzuwächse hatte, immer wettbewerbsfähiger wurde und dadurch wachsende Exportüberschüsse erzielte. Auf der anderen Seite gibt es die Südländer, die mehr importieren als exportieren und damit dauerhaft auf Pump leben. Dies könne nicht ewig gut gehen, schreiben die Autoren. Langfristig müssten die Gräben in Europa kleiner werden. Vor einem "schmerzhaften" Anpassungsprozess warnt die Studie.

Heute, mehr als ein Jahr später, zeigt sich, wie berechtigt die Warnung war. Spätestens seit der Griechenland-Krise steht fest: Auf Dauer müssen die Ungleichgewichte in der Euro-Zone kleiner werden, sonst wird die Währungsunion gesprengt. Die Südländer müssen raus aus den roten Zahlen, der Norden kann nicht länger die Exzesse des Südens finanzieren. Wenn sich die Finanzminister an diesem Dienstag in Brüssel treffen, wird es darum nur am Rande gehen. Aber spätestens im März wird die Frage wieder akut: Wie werden die Gräben in Europa kleiner? Wer muss sich wie anpassen – und wie schnell?

Der deutschen Kanzlerin Angela Merkel schwebt ein "Pakt für Wettbewerbsfähigkeit" vor. Er soll alle Euro-Mitglieder zu sozial- und finanzpolitischer Solidität verpflichten und die Regierungen zwingen, sich stärker auf europäischer Ebene zu koordinieren: in der Frage, wie lange die Menschen arbeiten zum Beispiel. Oder aber wie hoch die Steuern für Unternehmen sind. Auch die Entwicklung der Lohnkosten soll stärker abgestimmt werden.

Ein Blick in die Statistik zeigt, wie groß die Unterschiede innerhalb der Euro-Zone sind. Während in Deutschland die Lohnstückkosten mehr als zehn Jahre lang stagnierten, wuchsen sie etwa in Spanien kräftig, weil das Land die Lohnentwicklung an die Inflation koppelt. Auch das Renteneintrittsalter unterscheidet sich stark: In den skandinavischen Ländern arbeiten die Menschen tendenziell länger als im Rest Europas, Frankreichs Arbeitnehmer gehen früher in Rente als die Deutschen. Die Griechen werden zwar für ihr niedriges gesetzliches Rentenalter gescholten; de facto aber gehen sie später in Rente als die Deutschen.

ZEIT ONLINE hat in der Grafikbox einige Statistiken zusammengetragen, die die Gräben in der Steuer-, Haushalts- und Lohnpolitik aufzeigen. Mit einem Klick auf die Reiter gelangen Sie zu den einzelnen Grafiken.