Der Vorschlag liest sich vielleicht zynisch, doch versteht er sich als Hilferuf. Ich glaube, dass der beste Kandidat für die Nachfolge Jean-Claude Trichets ein Amerikaner wäre. Zweifellos gibt es in Europa hochbegabte Köpfe, die die nötige Kompetenz besitzen. Allerdings verlangen die Herausforderungen, die auf den künftigen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) zukommen, ein grundsätzliches Umdenken in Bezug auf die Kernidee einer Währungsunion. Europäische Ökonomen verkennen diese Notwendigkeit, ihre US-Kollegen haben sie dagegen längst erkannt.

Wir dürfen nicht vor der wirtschaftlichen und politischen Realität in der Euro-Zone die Augen verschließen. Die Probleme Griechenlands, Spaniens und Irlands sind keinesfalls gelöst, wir haben lediglich Zeit gewonnen. Die Krisenstaaten haben nicht nur einen Liquiditätsengpass, den die EZB mit unkonventionellen Mitteln bekämpft. Sie sind schlicht überschuldet. Daran ist nicht viel zu ändern, auch nicht mit eiserner Fiskaldisziplin. Die Volkswirtschaften dieser Länder werden unter dem Strich defizitär bleiben, weil sie dem Ausland keine Industriegüter mehr zu verkaufen haben. 


Der gewerbliche Sektor ist dort seit dem Start der Währungsunion so stark geschrumpft, dass er nur noch knapp zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht. Eine solche Deindustrialisierung lässt sich nicht umkehren. Sie ist eine schlichte Konsequenz des Euros. In einer Währungsunion, in der die Tauschfunktion des Geldes optimal genutzt wird, findet ein natürlicher Prozess zunehmender regionaler Spezialisierung statt. Die Industrie wandert dorthin, wo sie komparative Vorteile findet – zum Beispiel nach Deutschland.

Griechenland ist nie eine Industrienation gewesen, und die Währungsunion wird erst recht nicht dazu führen. Im Gegenteil: Der Wohlstand einer europäischen Familie ist einfach höher, wenn sie in einem deutschen Auto in den Urlaub nach Griechenland fährt. Das Leid eines spanischen Bauarbeiters ist geringer, wenn er seine Rentenpunkte ganz legal auf einer deutschen Baustelle sammeln kann. Verlangen wir von Spanien, Irland und Griechenland, dass sie mit Lohnkürzungen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, dann sind zwei Konsequenzen für Deutschland wahrscheinlich: Erstens wird die deutsche Industrie in diesen Ländern keinen Absatz mehr finden, und zweitens wird sie sogar dorthin auswandern.

Wenn wir Frieden und Wohlstand in Europa wollen, müssen wir akzeptieren, in einer echten Währungsunion zu leben und nicht in den wirtschaftspolitischen Strukturen der Vergangenheit. In einer funktionalen Integration Europas, wie es einst die Väter der römischen Verträge nannten, ist der Euro nie Zweck, sondern nur ein Vehikel gewesen, um Europa politisch zu vereinen. Und der Euro hat sich als ein äußerst effizientes Vehikel erwiesen.