Noch im vergangenen Frühjahr konnte Berthold Huber bei einer Frage richtig ärgerlich werden. Wann die Gewerkschaft denn endlich wieder für deutlich höhere Löhne trommeln werde, nun, da die Wirtschaft wieder wachse? "Kann ich nicht sagen", knurrte der IG-Metall-Chef . Die Weltwirtschaft stehe immer noch am Rande der Deflation, tausende Jobs seien in Gefahr. Lohnforderungen von sieben, acht, neun Prozent seien da einfach nicht drin. "Man sollte nur dann, wenn die Situation reif ist, auf die Pauke hauen", sagte Huber.

Der Gewerkschaftschef konnte sich die Gelassenheit damals noch leisten. Wochen zuvor hatte die IG Metall für die rund 700.000 Mitarbeiter der Metall- und Elektroindustrie im vergangenen Jahr ziemlich ordentlich verhandelt: Ab dem April diesen Jahres sollen die Löhne um 2,7 Prozent steigen. Kein anderer Wirtschaftszweig habe besser abgeschlossen, erklärte Huber.

Heute aber, rund zehn Monate später, sieht das Ergebnis der IG Metall nicht mehr ganz so glänzend aus. Nicht nur wächst die Wirtschaft kräftiger als erwartet. Auch die Inflation springt wieder an. Im Januar stiegen die Preise in Deutschland um 1,9 Prozent – ein Zweijahresrekord. Weil die Bundesregierung den Arbeitnehmern zum Jahresbeginn noch dazu weitere Belastungen – etwa höhere Krankenkassenbeiträge – zugemutet hat, bleibt von dem einst ganz ordentlichen Lohnzuwachs nicht viel übrig.

Und überhaupt: Was, wenn das erst der Anfang ist? Schließlich spricht vieles dafür, dass die Preise so schnell nicht wieder sinken werden. In den Schwellenländern wächst die Binnennachfrage in rasantem Tempo. Chinesen, Inder und Brasilianer kaufen mehr ein und treiben so die Preise auf den Weltmärkten. Zugleich warnen Ökonomen wie Rolf J. Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel vor einem "Superzyklus" – einer Phase lang anhaltender Inflation, "geprägt durch steigende Nachfrage und gleichzeitig knappem Angebot".

Boden für die Landwirtschaft etwa wird in vielen Schwellenländern knapp, weil sich Länder urbanisieren oder Spekulanten große Flächen aufkaufen. Es gibt Engpässe bei Öl, Kupfer und einigen Legierungsmetallen für die Industrie. Zugleich sorgt das viele Geld, dass die Industrieländer in den Markt gepumpt haben dafür, dass viel Liquidität in die Rohstoffmärkte fließt und die Spekulation befeuert. Auch steigen in den Schwellenländern die Lohnkosten schneller als in den Industrieländern, was die Importe nach Europa weiter verteuert. Das alles wird die Inflation treiben – und zwar auf Dauer .

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, warnt bereits vor einer "Inflationswelle", die ausgehend von den Schwellenländern über Großbritannien in die USA und die Euro-Zone schwappt. Auch der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, hält Inflationsraten von drei Prozent ab dem kommenden Jahr für wahrscheinlich.

Kommt es tatsächlich soweit, wächst auch der Druck auf die Gewerkschaften. Sie haben den Arbeitnehmern nach der Krise versprochen dafür zu kämpfen, dass der nächste Aufschwung bei allen ankommt und die Löhne steigen werden. Endlich, nach so vielen Jahren. Springt die Inflation nun jedoch nach oben, müssten die Gewerkschaften dies einpreisen und Lohnabschlüsse von sechs, sieben oder mehr Prozent erstreiten. Das hieße harte Verhandlungen und heftige Verteilungskämpfe mit den Arbeitgebern.

Noch aber hält man sich im Gewerkschaftslager zurück. "Wir schauen uns die Entwicklung der Inflation aufmerksam an", sagt Helga Schwitzer, die im Vorstand der IG Metall für die Tarifpolitik zuständig ist. In diesem Jahr stehen für die Gewerkschaft zwar nur kleinere Verhandlungen an, etwa beim Autohersteller Volkswagen. Im nächsten Jahr aber wird erneut für die großen Branchen verhandelt – womöglich unter ganz anderen Bedingungen. "Sollte die Inflationsentwicklung dann deutlich anziehen, werden wir das natürlich berücksichtigen."