Japans Finanzminister Kaoru Yosano war offensichtlich sehr um gute Stimmung bemüht. "Japan begrüßt Chinas Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt", sagte er vor versammelter Presse bei der Vorstellung der jüngsten Konjunkturdaten und lächelte in die Kamera. Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas sei wichtig für die gesamte Region, betonte er. Und im Übrigen gehe es ja nicht um "das Wetteifern um Ranglisten, sondern um das Wohl der Menschen".

Dem japanischen Finanzminister war anzumerken, dass ihm diese Worte nicht leicht über die Lippen gingen. Immerhin war Japan 42 Jahre lang die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Im vergangenen Jahr musste das Land den Titel des Vizeweltmeisters jedoch an China abtreten. Zugleich weiß Yosano aber: Japan hat dem aufstrebenden Nachbarn viel zu verdanken. Würde es China nicht geben, würde Japan noch tiefer in der wirtschaftlichen Misere stecken. Daher die aufgesetzte gute Laune.

Nur dem Export ist es zu verdanken, dass Japans Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen Oktober und Dezember 2010 auf das Jahr hochgerechnet um 1,1 Prozent schrumpfte und nicht um 2,2 wie zunächst befürchtet. Im Gesamtjahr 2010 wuchs die japanische Wirtschaft damit um 3,9 Prozent. Das an sich klingt gar nicht mal so schlecht. Ist es aber. Denn in Japan herrscht seit mehr als zehn Jahren mehr oder weniger Deflation. Wird sie herausgerechnet, dümpelt das Wachstum bei mageren zwei Prozent vor sich hin. Für asiatische Verhältnisse ist das wenig.

Während der Rest der Welt sich zunehmend von den Strapazen der großen Finanzkrise zu erholen scheint, steckt Japan damit weiterhin in einer Dauerkrise. "Japan befindet sich weiterhin auf einem absteigenden Ast", sagt Martin Schulz, Chefökonom des Fujitsu-Wirtschaftsforschungsinstituts in Tokyo. Je nach Branche liege die Produktion immer noch zwischen zehn und 30 Prozent unter dem Vorkrisenniveau.

Die Deflation wird vor allem durch die Demographie im Land angetrieben. Was Deutschland, Italien und manch andere Industrieländer in einigen Jahren erwartet, ist in Japan bereits Realität: Eine überalterte Bevölkerung – 21 Prozent der Japaner sind über 65 Jahre alt. Bereits jetzt kommen auf einen Rentner statistisch gesehen nur noch anderthalb sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer. Über die Hälfte der Privathaushalte beziehen ihre Einkommen nicht überwiegend über Arbeit, sondern aus Vermögen, Pensionen und anderen Altersvorsorgen. Damit geht in Japan die allgemeine Nachfrage zurück, der Markt schrumpft. Damit die Unternehmen ihre Absatzzahlen halten können, senken sie die Kosten und kürzen die Löhne. Das heizt die Deflation aber nur zusätzlich an.

Ein weiterer Grund für die Entwicklung ist der hohe Kapitalstock. In der Hochwachstumsphase der achtziger Jahre haben die Japaner enorm viel Geld angehäuft. Seit Jahren sind die japanischen Unternehmer darum bemüht, im Inland renditeträchtige Investitionsmöglichkeiten für dieses überschüssige Kapital zu finden. Da Japan aber über zu viel Kapital verfügt, zerstört es sich die Renditemöglichkeiten selbst. "Zu viel Kapital ist auf einem zu kleinen Markt unterwegs", urteilt Ökonom Schulz. Und das fühlten viele Unternehmen auch. So gebe es in Japan in nahezu jedem Segment zig Unternehmen, die sich untereinander in Grund und Boden konkurrieren. Auch das drückt die Preise.

Das Problem der Deflation versucht die japanische Regierung bereits seit einiger Zeit in den Griff zu bekommen. So hat sie seit Beginn der neunziger Jahre Dutzende von Konjunkturprogrammen aufgelegt, um die Wirtschaft zu stimulieren. Bislang ohne Erfolg. Stattdessen ist die japanische Staatsverschuldung auf 225 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Damit liegt sie bei mehr als dem Doppelten der jährlichen Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Staatsverschuldung bei knapp unter 80 Prozent. Die Ratingagentur Standard & Poor's hatte Ende Januar die Bonitätsnote für Japan erstmals seit Jahren um eine Stufe gesenkt. Nach zuvor AA wurde die neue Bewertung auf AA-. Japan liegt damit drei Stufen unter der Bestnote AAA.