Libyens Diktator Muammar al-Gadhafi hat offenbar die Kontrolle über die meisten Öl- und Gasfelder des Landes verloren. Es gebe Grund zur Annahme, dass die Mehrzahl der Felder jetzt in der Hand von "provisorischen regionalen Führungsgremien" und anderen Akteuren sei, sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger in Brüssel. Engpässe bei Öl und Gas müsse das Bündnis jedoch nicht fürchten. Die Importe aus Libyen seien "nicht unwesentlich", aber auch "nicht herausragend". Zudem gebe es bedeutende Vorräte in der EU, außerdem seien andere Länder wie Russland und Saudi-Arabien gewillt, mögliche Engpässe auszugleichen, sagte Oettinger.

Der Ölpreis war aus Angst vor ausbleibenden Lieferungen wieder angestiegen. Ein Barrel der US-Sorte WTI kostete mit 99,41 Dollar 1,6 Prozent mehr als am Freitag. Brent-Öl verteuerte sich um 1,5 Prozent auf 113,79 Dollar. Damit lag die Nordsee-Sorte zwar immer noch deutlich unter ihrem Zweieinhalb-Jahres-Hoch vom vergangenen Donnerstag, als der Preis wegen der Unruhen in Libyen auf knapp 120 Dollar hochgeschossen war. Es bestehe aber immer noch die Gefahr, "dass sich die Unruhen in der Region ausbreiten, in der ein Großteil des weltweit verbrauchten Öls gefördert wird", sagte Volkswirt Ben Westmore von der National Australia Bank.

Libyen ist mit 1,8 Millionen Barrel Öl am Tag einer der wichtigsten Produzenten in Afrika. Das Öl macht 95 Prozent der Exporte aus und bringt dem Staat 75 Prozent seiner Einnahmen. Seit dem Ausbruch der Unruhen ist die Produktion um etwa drei Viertel zurückgegangen. Saudi-Arabien hat die Ausfälle nach eigenen Angaben durch erhöhte Fördermengen ausgeglichen. Aus Industriekreisen verlautete, die Saudis hätten ihre Produktion um 700.000 Barrel pro Tag ausgeweitet, was in etwa der Menge der fehlenden Lieferungen aus Libyen entspräche. Die Regierung in Riad kündigte an, Engpässen auch in Zukunft vorbeugen zu wollen.

Für den Fall jedoch, dass die Unruhen auch auf Saudi-Arabien übergreifen, könnte der Ölpreis nach Ansicht von Experten Rekordhöhen erreichen. Das Bundeswirtschaftsministerium hält dies jedoch für wenig wahrscheinlich. "Ich komme gerade aus Riad, und ich habe keine Anzeichen erkennen können, dass da eine Revolte bevorsteht", sagte Staatssekretär Jochen Homann. Lieferengpässe seien daher nicht zu erwarten.

Mit Blick auf die gestiegenen Benzinpreise sagte Homann, dies sei nicht allein eine Folge der Libyen-Krise. Das Land habe lediglich einen Anteil von 7,8 Prozent an der Rohölversorgung Deutschlands. Ursachen für den Preisanstieg seien vielmehr auch das Anziehen der Weltkonjunktur und der Euro-Dollar-Kurs.

Ähnlich äußerte sich der Chef des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Libyen alleine sei nicht das Problem, sagte Sinn. Die Ausfälle könnten leicht kompensiert werden, etwa wenn anderswo mehr gepumpt würde. Erst wenn auch andere Länder wie Katar oder Saudi-Arabien von Revolutionen betroffen wären, würde die Lage schwierig. Damit sei gegenwärtig aber nicht zu rechnen.