Beim Schach stoßen selbst die hellsten Köpfe rasch an ihre Grenzen. Schon nach zwei Zügen sind 72.084 verschiedene Stellungen möglich. So ist schnell der Punkt erreicht, an dem kein menschliches Hirn mehr in der Lage ist, alle möglichen Varianten durchzudenken.

Hinzu kommt, dass sich auch professionelle Schachspieler von allzu menschlichen Dingen beeinflussen lassen. Unter anderem dem Aussehen ihrer Gegner. Männer, die einer besonders hübschen Frau gegenübersitzen, stürzen sich in halsbrecherische Spielzüge, zeigen drei schwedische Ökonomen in einer Studie mit dem Titel "Beauty Queens and Battling Knights: Risk Taking and Attractiveness in Chess", die als Diskussionspapier des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) erschienen ist.

Grundlage der Untersuchung sind die Partien von 626 professionellen Schachspielerinnen- und -spielern im Lauf von elf Jahren. Das Aussehen der Spieler ließen die Forscher in einer Online-Umfrage von 2000 Teilnehmern bewerten – auf einer Skala von null bis zehn. Um die Risikoneigung eines Spielers zu ermitteln, analysierten sie seine Eröffnungsstrategie.

Dabei zeigte sich ein klares Bild: Wenn Männer gegen attraktive Frauen antreten, spielen sie anders. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine riskante Eröffnungsstrategie wählen, ist zehn Prozent höher. Einen spielerischen Vorteil haben sie dadurch nicht, stellten die Forscher fest. Bei Frauen haben Geschlecht und Aussehen des Gegners dagegen keine Auswirkungen darauf, wie viel Risiko sie während des Spiels eingehen.

Die Eröffnungsstrategie eines Schachspielers ist ein guter Indikator für seine Risikoneigung. Eine riskante Strategie, bei der der Spieler sofort einen Angriff einleitet, reißt Lücken in der eigenen Verteidigung. Bereits ein kleiner Fehler kann dann das Spiel zugunsten des Gegners entscheiden. Bei sicheren Strategien wirken sich Fehler dagegen nicht so verheerend aus, allerdings hat ein Spieler auch weniger Möglichkeiten zum Angriff.

Um 500 verschiedene Eröffnungsstrategien nach ihrem Risiko zu unterscheiden, befragten die Forscher acht erfahrene Schachspieler. Stuften mindestens sechs der acht Experten eine Strategie als riskant oder sicher ein, schlossen sich die Forscher dem Urteil an. Ansonsten werteten sie die Eröffnung als neutral.

Neben der Analyse der Eröffnungsstrategien untersuchten die Forscher die Neigung, sich mit dem Gegner auf ein Unentschieden ("Remis") zu einigen. Beim Schach können die Spieler dies jederzeit tun, beide erhalten dann jeweils einen halben Punkt. Normalerweise bekommt der Sieger einen vollen Punkt, der Unterlegene geht leer aus.

Auch hier stellten die Forscher fest, dass schöne Frauen Männer risikofreudiger machten – in solchen Partien gab es deutlich weniger Unentschieden.

Offenbar reagieren Männer anders auf äußerliche Reize als Frauen. Mitautorin Anna Dreber führt dies auf den männlichen Testosteronspiegel zurück. Er steigt meist an, wenn attraktive Frauen in der Umgebung sind. Dies wiederum könnte die Risikoneigung von Männern beeinflussen. Dreber hat hierfür in einer anderen Studie Belege gefunden.

In einem Experiment ließ sie Männer Investitionsentscheidungen treffen, bei denen es um echtes Geld ging. Dabei zeigte sich, dass Männer mit hohem Testosteronspiegel riskantere finanzielle Entscheidungen trafen. Ähnliche Experimente bei Frauen zeigten: Bei ihnen wirkt sich der Testosteronspiegel nicht auf das Risikoverhalten aus.

(Zuerst erschienen auf Handelsblatt.com)