Gleich zwei Kommissionen sollen im Auftrag von Bundeskanzlerin Angela Merkel die drängendsten Fragen zu Kernenergie und Atomausstieg beantworten. Die eine kümmert sich um die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke. Die andere setzt sich mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von Atomstrom und Restrisiko auseinander. Die Fragen werden in Deutschland seit geschätzt 30 Jahren diskutiert. Braucht es wirklich noch zwei Kommissionen, um sie neu zu behandeln? Sind nicht alle Antworten längst bekannt?

Ja und nein. Der Bundeskanzlerin ist wohl bewusst, dass es in Deutschland eine Mehrheit für einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie gibt, und dass einige alte Meiler heute nicht mehr genehmigt würden, weil ihre Sicherheitsstandards aktuellen Anforderungen nicht mehr genügen. Auch alle weiteren Risiken der Kernkraft – etwa die ungelöste Frage, wo der radioaktive Müll gelagert werden soll – sind der Physikerin bekannt. Bislang scherte sie das aber wenig. Stattdessen hat Angela Merkel Politik im Sinne der Energiewirtschaft gemacht.

Auf die Katastrophe von Fukushima folgte die abrupte Kehrtwende der schwarz-gelben Atompolitik. Die Kommissionen sind notwendig, um den Politikwechsel der Öffentlichkeit zu vermitteln. Er wirkt ja sonst völlig unglaubwürdig: Warum wurden plötzlich sieben Atomkraftwerke abgeschaltet, die vor wenigen Monaten noch als die sichersten der Welt galten und für die Versorgungssicherheit in Deutschland angeblich zwingend gebraucht wurden?

Beim Bürger und in Union und FDP herrscht nach der überraschenden Entscheidung ein Erklärungsnotstand. Bis zur kommenden Bundestagswahl 2013 stehen einige Urnengänge an, und die Parteibasis muss auf dem Marktplätzen dieser Republik die schwarz-gelbe Rochade erklären. Die Mitglieder der Ethikkommission, allesamt respektierte Personen des öffentlichen Lebens, können ihnen die Argumente liefern, die auch konservative Wähler überzeugen.

Man mag die Entscheidungen der vergangenen Tage und Wochen zu Recht als Wahltaktik und Populismus kritisieren. Aber noch besteht die Hoffnung, dass die Regierung wirklich verstanden hat. Merkel selbst hat die Katastrophe in Japan als " Zäsur in der Geschichte der technisierten Welt" bezeichnet. Jetzt müssen die richtigen Konsequenzen gezogen und schnellstmöglich aus der Atomenergie ausgestiegen werden. Wenn die schwarz-gelbe Regierung dafür zwei Kommissionen braucht – sei's drum. Geschenkt, Frau Merkel!