Glaubt man den Worten der Atombefürworter vom vergangenen Herbst, dann müsste in Deutschland bald das Stromchaos ausbrechen. Sieben Atomkraftwerke will die schwarz-gelbe Koalition nun binnen weniger Tage vorübergehend stilllegen, kein Meiler, der älter als 30 Jahre ist, soll am Netz bleiben. Noch während der Debatte über die Laufzeitverlängerung hatte die Atomlobby beteuert, die Werke seien für die Versorgung der Deutschen mit Strom unverzichtbar. Nun sind sich die Experten weitgehend einig: "Durch die Stilllegung wird erstmal nicht viel passieren", sagt Sebastian Schröer vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI).

Betroffen vom Beschluss der Koalition sind die Meiler Neckarwestheim-1, Philippsburg-1, Biblis A und B, Isar-1 und Unterweser. Auch der Meiler in Krümmel, der seit Längerem stillgelegt ist, soll nicht wieder ans Netz. Gemeinsam produzieren die sieben Meiler rund fünf Gigawatt Strom. Das ist etwa ein Achtel der 40 Gigawatt, die jederzeit im Netz zirkulieren müssen, um in normalen Zeiten den Strombedarf der Deutschen zu decken. "Grundlast" nennen Experten diese Strommenge. Generell werde so viel Strom produziert, wie nachgefragt werde, sagt Schröer, "tendenziell stellen die Betreiber aber immer ein bisschen mehr". Einen Teil des Stroms – im vergangenen Jahr waren es fünf Prozent – exportieren die Versorger ins Ausland.  

Woher kommt nun der Strom, wenn die Meiler ausgeschaltet werden? "Zunächst einmal werden die anderen Atomkraftwerke hochgefahren", sagt Schröer. Diese könne man schneller und billiger als andere Kraftwerkstypen auf "Leistung bringen und flexibel regeln", weshalb die Betreiber sie am liebsten nutzen, um Nachfragespitzen abzudecken. Kohlekraftwerke seien hingegen schwerfällig und langsam, Gaskraftwerke sehr teuer. Dennoch werden die Stromversorger nach Ansicht von Schröer auch ihre Braun- und Kohlekraftwerke hochfahren müssen, um die benötigte Strommenge zu decken. Die fünf Gigawatt, die aus den stillgelegten Kernkraftwerken eingespeist wurden, werden also durch mehr Leistung anderer Kraftwerken aufgefangen.  

Auch auf teure Gasturbinenkraftwerke müssten die Betreiber nun verstärkt zurückgreifen, sagt Schröer. Sie werden schon jetzt zu Spitzenlastzeiten ans Netz genommen. Allerdings bedeutet ein höherer Gasanteil auch, dass der Strompreis an der Börse steigt. "Auf dem Spotmarkt entscheidet das letzte Angebot eines Stromanbieters über den Preis für eine Kilowattstunde Strom", sagt Schröer. Ist der letzte Anbieter für kurzfristig benötigte Strommengen ein AKW-Betreiber, ist dieser Preis niedrig. Ist es ein Gaskraftwerk, ist er hoch. 

Nicht einig sind sich die Experten hingegen, ob Verbraucher jetzt langfristig mehr für ihren Strom bezahlen müssen. Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen etwa prognostiziert höhere Strompreise. Christof Timpe vom Öko-Institut in Freiburg hält stark steigende Strompreise dagegen für unwahrscheinlich. Mehr als einen halben Cent mehr pro Kilowattstunde müssten die Verbraucher durch die jüngste Entscheidung der Regierung nicht zahlen. Das entspreche einer Preissteigerung von drei Prozent.  Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel rechnet nicht mit einer "dramatischen Veränderung" der Preise durch die vorübergehende Stilllegung.