Bauarbeiter zerren etwa drei Meter hohe Jungbäume von einem Lastwagen. Die Männer mühen sich mit den sperrigen Stämmen. Rund 40 Kilometer vor den Toren der Zehnmillionen-Stadt Wuhan in der zentralchinesischen Provinz Hubei sollen die Bäume eine vierspurige Straße säumen, die erst vor kurzem fertig wurde. Das nächste Bauvorhaben ist schon geplant, eine große Plakatwand stellt es vor: Es ist ein gigantisches Einkaufszentrum aus Glas und Stahl, darin – neben den üblichen Geschäften – ein Imax-Kino und eine Badelagune.

Abgesehen von Straße, Bäumen und Plakatwand deutet noch nicht viel darauf hin, dass hier einmal ein Stadtteil mit mehreren Hunderttausend Einwohnern entstehen soll. Es gibt ein paar verfallene Bauernhäuser, ansonsten liegt alles brach. Nur am Horizont sind Baukräne zu sehen, die die ersten Wolkenkratzer hochziehen.

Im gesamten Kernland von China werden derzeit gigantische Flächen ausgemessen, Gruben ausgehoben, Straßen gebaut, Bäume gepflanzt und Schienen gelegt. Wanderarbeiter errichten Brücken, wo im Umkreis von Kilometern keine Stadt vorhanden ist. Mitten auf dem platten Land werden U-Bahn-Schächte gegraben. "Je früher wir Parkanlagen, Einkaufszentren, Kulturangebote einplanen und für eine umfangreiche Verkehrsinfrastruktur sorgen, desto lebenswerter wird es werden", sagt Städteplaner Wu Weibin. Er ist für eine Reihe von Projekten in Hubei zuständig.

Nichts soll dem Zufall überlassen werden. China wappnet sich für die große Urbanisierung.

Am Freitag treten die rund 3000 Delegierten des Nationalen Volkskongresses zu ihrer jährlichen Tagung zusammen. Sie werden den wahrscheinlich teuersten Fünfjahresplan verabschieden, den es in der Geschichte der Volksrepublik China je gegeben hat. Er sieht vor, dass bis zu 100 Millionen Menschen in den kommenden fünf bis zehn Jahren vom Land in die Stadt umziehen sollen. Laut einem Bericht der regierungsnahen Entwicklungsforschungsstiftung, der bereits im vergangenen Herbst veröffentlicht wurde, wird China dafür gigantische 16 Billionen Yuan für neue Straßen, Eisenbahnen, Kraftwerke, Wasserversorgung und soziale Dienstleistungen benötigen – mindestens. Das sind umgerechnet rund 1,8 Billionen Euro.

Das Ziel der chinesischen Regierung ist es, in den kommenden Jahrzehnten rund 400 Millionen Chinesen von Bauern zu Stadtbewohnern zu machen. Derzeit lebt nicht einmal die Hälfte der chinesischen Bevölkerung in einer Stadt: Viel zu wenig für eine entwickelte Volkswirtschaft, sagt der chinesische Chefökonom der Weltbank und Regierungsberater, Justin Yifu Lin . Künftig sollen es 85 Prozent sein. Das sei nötig, sagt Lin, damit die Menschen auf dem Land einen ähnlich hohen Lebensstandard genießen könnten wie die Stadtbevölkerung. Konkret heißt das: In den kommenden Jahrzehnten müssen jährlich zwischen 10 und 20 Millionen Menschen urbanisiert werden.

Mit einem staatlich forcierten Zuzug in die bestehenden Städte ist es nicht getan, im Gegenteil. Die bereits existierenden Megastädte wie Shanghai, Peking oder Guangzhou mit jeweils zwischen 15 und 20 Millionen Einwohnern platzen bereits jetzt schon aus allen Nähten. Der Verkehr ist ein Chaos, die Wasser- und die Stromversorgung und die Müllabfuhr sind kaum noch zu gewährleisten. Die Hauptstadt Peking etwa erstickt inzwischen an mehr als 300 Tagen im Jahr im Verkehrskollaps. In Shanghai sieht es nicht wesentlich besser aus.

Deshalb will die chinesische Führung jetzt auf dem Land neue Städte schaffen. Die Zahl der rund 120 Millionenstädte in China soll sich bis zum Jahr 2025 verdoppeln. Zusätzlich plant die chinesische Regierung bis zu ein Dutzend Megastädte mit 15 bis 20 Millionen Menschen. Ausländische Medien hatten sogar darüber berichtet, dass am Perlflussdelta vor den Toren Hongkongs die beiden Boomstädte Guangzhou und Shenzhen zu einer Super-Megastadt mit über 40 Millionen Menschen zusammengelegt werden sollten. Die Provinzregierung von Guangdong dementierte das: Eine solche Fusion sei nicht zu bewerkstelligen, heißt es in den staatlichen Medien. Dass auch am Perlflussdelta die Städte immer weiter wachsen, ist aber unbestritten.

 Städter haben eine Sozialversicherung, Bauern nicht

Vor allem aber auf dem Land werden derzeit in rasantem Tempo neue Städte aus dem Boden gestampft. Einige Ökonomen beschwören schon die nächste große Immobilienblase herbei. "Der chinesische Immobilienmarkt ist eine riesige Blase ", warnte beispielsweise der unabhängige Shanghaier Ökonom Andy Xie Anfang der Woche auf Bloomberg TV. Ihm widerspricht Jerry Lou, Investmentstratege von Morgan Stanley auf CNBC. Der Bauboom sei staatlich gewollt, um den Zuzug von jährlich über zehn Millionen Menschen vom Land in die Städte zu bewerkstelligen, sagte Lou. So viel Wohnraum müsse erst mal geschaffen werden.

Mit dem Bau von Straßen, Hochhäusern und Einkaufszentren ist es nicht getan. Viele der bereits errichteten Retortenstädte sehen eintönig aus. Sie verfügen über keine gewachsenen Strukturen. In einigen Regionen weigern sich die Bauern, ihre alten Häuser zu verlassen und in die neuen Hochhäuser zu ziehen. Die größten Herausforderungen lägen nicht im Bau von Infrastruktur und städtischen Einrichtungen, kritisiert der chinesische Ökonom Fan Gang. Viel wichtiger sei es, den Zuwanderern vom Land die gleichen Rechte zu geben wie den alteingesessenen Stadtbürgern.

In China gilt nach wie vor das sogenannte "Hukou", ein Meldesystem aus Maos Zeiten. Um sich in einer Stadt niederzulassen, braucht jeder eine offizielle Registrierung. Menschen vom Land ist es nicht erlaubt, ohne weiteres in die Städte zu ziehen. Die chinesische Regierung will dadurch eine unkontrollierte Landflucht verhindern. Sie fürchtet, dass in den Städten Slums entstehen könnten, so wie in anderen Entwicklungs- und Schwellenländern.

Verbunden mit dem Hukou sind allerdings auch unterschiedliche soziale Leistungen. Während die Stadtbevölkerung auf eine Reihe von sozialen Leistungen wie Kranken- und Rentenversicherungen zugreifen kann, verfügen Bauern über diesen Anspruch nicht. Sie erhalten stattdessen Ackerland, das sie bestellen können. Inzwischen wurden die strengen Regeln zwar deutlich aufgeweicht: Ein Drittel der Stadtbevölkerung ist auf dem Land registriert und lebt dennoch in den Städten. Anspruch auf die Sozialleistungen haben die Menschen vom Land aber auch weiterhin nicht. Das würde die Sozialkassen sprengen, argumentiert die Regierung.

Größte Aufgabe der Regierung wird es demnach sein, ein Sozialversicherungssystem aufzubauen, das für alle Chinesen gilt, sagt Fan Gang. Das habe der nächste Fünfjahresplan zwar auch berücksichtigt. Dennoch werde das Ziel "nicht über Nacht zu erreichen sein". In ihm aber, so Fan Gang, liege der Schlüssel zum Erfolg. Trotz der regen Bautätigkeiten im ganzen Land: Er glaubt, dass es daher noch Generationen dauern werde, bis Chinas Urbanisierung tatsächlich abgeschlossen ist.