So düster der Anlass, so günstig war die Gelegenheit. Als die Welt in den vergangenen zwei Wochen ob der drohenden Kernschmelze in Japan den Atem anhielt, profilierte sich Günther Oettinger (CDU) auf europäischem Parkett als Krisenmanager. Er griff einen Vorschlag der österreichischen Regierung auf und setzte sich für Stresstests in europäischen Kernkraftwerken ein. "Diese Forderung war ein Selbstläufer", heißt es aus Oettingers Umfeld, denn "wer kann schon guten Gewissens sagen: Wir brauchen das nicht"?

Doch noch ehe sich die europäischen Regierungschefs heute Abend beim Arbeitsessen mit dem Thema befassen, ist aus dem Selbstläufer ein Rohrkrepierer geworden. Einer, der Günther Oettinger viel Spott eingebracht hat, vor allem beim Vorbereitungstreffen der Fachminister Anfang der Woche. "Er hat richtig Prügel von den Ministern bezogen", sagt einer, der Montag im Ratsgebäude dabei gewesen ist. "Günther Apokalypse", feixten die Minister. Besonders groß war die Häme aus Großbritannien und Frankreich. Beide Länder störten sich an Oettingers vor allem verbal heftigen Reaktionen auf die Ereignisse in Japan. "Das hat viele überrascht", sagt ein Diplomat.  

Dabei wollte Oettinger eigentlich die Krise nutzen, um sein Profil in Brüssel zu stärken. Er kann weder Italien, noch Frankreich den Bau von neuen Meilern verbieten. Die Kontrolle aber, die will Oettinger nun nach Brüssel delegieren. So sollen alle 143 Kernkraftwerke in 14 EU-Ländern auf die Gefahren von Erdbeben, Hochwasser, Terror und Flugzeugabstürzen untersucht werden, auch die Fragen der Kühlung und Stromversorgung spielen eine Rolle. Die Türkei, die Schweiz, ja selbst die Ukraine könnten teilnehmen, verkündete Oettinger nach einem Krisentreffen am Montag dieser Woche. "Mit dem Beginn etwaiger Gesetzgebungsverfahren ist frühestens Ende des Jahres zu rechnen", sagt jemand, der den Brüsseler Betrieb kennt.

Oettingers Hektik wirkte daher übertrieben. Sein Aktionismus ging so weit, dass er für Dienstag voriger Woche binnen 24 Stunden Vertreter der Mitgliedsstaaten und Unternehmer zu einem Treffen nach Brüssel lud. "Das war mit heißer Nadel gestrickt", sagt ein Diplomat, der nicht einmal eine Handvoll Minister beim Treffen zählte. Ein Zufall ist das nicht gewesen, eher schon ein Signal. Denn Brüssel spielt in entscheidenden Fragen der Energiepolitik nur eine Nebenrolle.