ZEIT ONLINE: Der Chef der EU-Bankenaufsicht, Andrea Enria, will Europas Banken in diesem Sommer einem neuen Stresstest unterziehen. Er verspricht eine "strengere, seriösere Überprüfung" als im vergangenen Jahr. Ist das ernst zu nehmen?

Stefan Gerlach: Die meisten Akteure wissen, dass sie nicht die harmlosen Stresstests vom vergangenen Sommer wiederholen können. Damals kam heraus, dass die irischen Banken in guter Verfassung sind. Ein paar Monate später stand das gesamte Bankensystem des Landes vor dem Bankrott und der irische Staat musste mit Milliarden einspringen. Diese Tests waren – vorsichtig gesprochen – wertlos.

ZEIT ONLINE: Wie sollten die neuen Stresstests aussehen?

Gerlach: Europa und auch Deutschland sind mit dem Risiko konfrontiert, dass einige Staaten innerhalb der Euro-Zone umschulden müssen. Das ist ein politisches Tabu, aber die Realität. Staatsschulden sind schlicht nicht mehr sicher. Die Stresstests müssen deshalb Aufschluss darüber geben, wie hart die Bücher der Banken getroffen werden, wenn Griechenland oder Portugal einen Schuldenschnitt machen. Es müssen Szenarios getestet werden, über die niemand sprechen will.

ZEIT ONLINE: Ein solcher Stresstest würde vermutlich ergeben, dass zahlreiche Banken nicht überlebensfähig sind.

Gerlach: Das ist sogar ein notwendiges Ergebnis. Ein Stresstest, bei dem alle Institute gut abschneiden, bringt nichts. Europas Banken sind wie ein Patient, der zum Arzt geht, aber ständig seine Probleme verschweigt. Natürlich kann der Arzt dann nicht die richtige Diagnose stellen. Deshalb geht das Leiden weiter. Es ist wie bei allem im Leben: Nur wenn sie das Problem erkennen, können sie es lösen.

ZEIT ONLINE: Kann das nicht zu einer neuen Panik an den Märkten führen?

Gerlach: Das ist der Tat ein Risiko. Deshalb brauchen wir nicht nur mehr Transparenz. Die Regierungen müssen auch versprechen, dass sie die Banken im Zweifel mit frischem Kapital ausstatten oder die Institute schließen. Alles andere würde tatsächlich zu Panik führen. Das Problem, das ich sehe, ist allerdings, dass die Regierungen hierzu nicht den politischen Willen aufbringen.

ZEIT ONLINE: Welche Banken sind am stärksten gefährdet?

Gerlach: Die deutschen. Das ist ein Problem. In Deutschland haben die Institute zu wenig Kapital, insbesondere die Landesbanken. Das wird von der Regierung in Berlin seit langem verschwiegen. Es ist nicht im Interesse der deutschen Kanzlerin, weitere 100 oder 150 Milliarden an frischem Kapital für die Banken bereitstellen zu müssen.

ZEIT ONLINE: Sie glauben, das kann notwendig werden?

Gerlach: Es ist zumindest möglich. Was es in Deutschland so schwierig macht, ist die enge Verflechtung von Politik und Banken . Vor allem die Landesbanken stehen unter dem Einfluss der Politik. Wann immer die Aufseher Druck ausüben wollen, reagieren die staatlichen Eigner mit Gegendruck. Deshalb sind sie so schwer zu sanieren.