ZEIT ONLINE: Herr Gosepath, die Mehrheit der Deutschen sagt in Umfragen , dass es in Deutschland nicht gerecht zugehe. Was heißt das?

Stefan Gosepath: Ich denke, dass da ein subjektives Empfinden zum Ausdruck kommt. Solche Umfragen sind sicherlich ein guter Indikator für die Politik. Sie helfen aber nur bedingt, wenn wir die Frage beantworten wollen, wie gerecht es in Deutschland zugeht.

ZEIT ONLINE: Warum?

Gosepath: Weil die interessantere Frage lautet, warum die Menschen Ungerechtigkeit empfinden. Kommt dort nur der Ärger darüber zum Ausdruck, dass das eigene Leben nach einigen Jahren neoliberaler Politik prekärer geworden ist? Das wäre meine Vermutung.

ZEIT ONLINE: Und das würde ihnen nicht reichen.

Gosepath: Es wäre nur der erste Schritt. Der Clou der Gerechtigkeitsdebatte ist doch, dass wir die Position des Unparteiischen einnehmen sollten. Wir müssen neutral sein, um auf diese Weise zu einem objektiven Begriff von Gerechtigkeit zu kommen. Das ist unsere Aufgabe als Wissenschaftler, wenn wir eine Theorie der Gerechtigkeit entwerfen. Wohlgemerkt: Ohne den Anspruch zu haben, besser als andere zu sein.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht frustrierend? Sie suchen nach der Gerechtigkeitsformel und die Menschen streben einfach nur nach ihrem Vorteil.

Gosepath: So ist das Leben halt manchmal. Außerdem stimmt es auch nicht ganz. Die Menschen sagen nicht nur: Ich will 100 Euro mehr Gehalt im Monat. Sie bedienen sich auch der Sprache der Gerechtigkeit. Sie sagen: Wenn wir unsere Ziele durchsetzen, dann geht es in der gesamten Gesellschaft gerechter zu . Dass Gerechtigkeit immer eine Rolle spielt, stimmt mich optimistisch.

Z EIT ONLINE: Die Leute berufen sich auf Gerechtigkeit. Allerdings nur, um ihre egoistischen Motive zu legitimieren.

Gosepath: Manchmal mag das so sein. Aber eben nicht immer. Das ist wie mit der Lüge und der Wahrheit. Wenn alle ständig lügen würden, ergäbe die Lüge keinen Sinn mehr. So ist es auch mit der Sprache der Gerechtigkeit. Wenn sie die ständig missbrauchen, um ihre Interessen durchzusetzen, werden Sie irgendwann als Lügner entlarvt und der Bezug auf Gerechtigkeit hätte überhaupt keinen Sinn mehr. Auf Dauer geht das nicht.

ZEIT ONLINE: Gibt es das überhaupt: einen objektiven Begriff der Gerechtigkeit?

Gosepath: Es muss ihn geben, sonst könnten wir nicht über Gerechtigkeit streiten.

ZEIT ONLINE: Was ist denn nun gerecht?

Gosepath: Ein Grundgedanke, auf den sich alle einigen können, lautet: Jedem das Seine. Heute würde man vielleicht sagen: Jedem das, was ihm zusteht.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?

Gosepath: Jeder sollte die Früchte dessen ernten dürfen, was in seiner Verantwortung liegt. Ein paar Dinge sind dann jedoch nicht verhandelbar. Alle Bürger haben zum Beispiel die gleichen Menschen- und Bürgerrechte und -pflichten. Außerdem sollten sie das gleiche Maß an Freiheit haben, das eigene Leben zu gestalten.