Droht Japan eine lange Rezession? – Seite 1

Das Beben ist kaum ein paar Tage her, da verkündet Nouriel Roubini schon seine düstere Prognose. Die Katastrophe sei der "schwerste Schlag", den es für Japans Wirtschaft überhaupt geben könne, sagte der New Yorker Wirtschaftsprofessor. Das Beben und der Tsunami würden "beträchtliche Folgen" für die Exportbranchen des Landes haben. Roubini, wegen seiner ständigen Schwarzmalerei von vielen nur noch "Mr. Doom" genannt, machte seinem Namen mal wieder alle Ehre.

Doch längst nicht alle Ökonomen teilen seine Meinung. Viele sind optimistischer, manche sehen im bevorstehenden Wiederaufbau des Landes gar eine Chance. Sie glauben, dass auf einen kurzfristigen konjunkturellen Einbruch eine Phase der Erholung folgen könnte. Am Ende könnte Japan eine lange Rezession erspart bleiben.

Was die Ökonomen so zuversichtlich macht, ist der geringe Anteil der Wirtschaftsleistung, der durch das Beben und den Tsunami betroffen ist. In den Präfekturen, die von der Katastrophe direkt betroffen sind, werden nur rund sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes erwirtschaftet, schätzt die Commerzbank. Betrachtet man nur die Regionen Miyagi und Iwate, die am stärksten zerstört wurden, sind es rund 2,5 Prozent. "Die Katastrophenregionen haben wirtschaftlich eher ein geringes Gewicht", sagt Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Das spricht nach Sicht vieler Ökonomen für einen kurzfristigen Einbruch der Konjunktur – nicht aber für eine lange Rezession. Zwar fällt kurzfristig Nachfrage aus, weil das Geschäftsleben danieder liegt. Auch müssen Fabriken wie die der Autohersteller Toyota oder Honda vorübergehend schließen, Lieferketten reißen, das Angebot an Waren im Land sinkt. Nach einigen Monaten aber läuft die Produktion wieder an, die Effekte ähneln jenen, die bei einem Streik entstehen : Was sich aufgestaut hat, wird wieder abgebaut. Ein kurzer Einbruch der Wirtschaft wäre das, aber keine Katastrophe, zumindest keine ökonomische.

Die Volkswirte berufen sich in ihren Schätzungen auf den Januar 1995. Damals bebte schon einmal in Japan die Erde, betroffen war die Region Kobe. 6400 Menschen starben, 140.000 Häuser fielen in sich zusammen. Die Katastrophe kostete damals rund 120 Milliarden Dollar, etwa zwei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Japans – das Beben gilt bis heute als das teuerste seiner Art. Alle Experten rechneten damit, dass die Konjunktur nach dem Beben in den Keller gehen würde. Stattdessen blieb sie erstaunlich stabil. Zwar brach die Industrieproduktion einen Monat lang ein, stieg aber schon wenige Wochen später wieder steil an.

Auf einen solchen Effekt hoffen die Ökonomen und Japans Regierung auch jetzt. Er hat auch damit zu tun, wie merkwürdig weltweit noch immer Wohlstand gemessen wird . Wird der Kapitalstock eines Landes wie jetzt im Falle Japans zerstört, taucht das in den üblichen Wachstumsstatistiken nicht auf. Werden allerdings Firmen angeheuert, um Brücken, Straßen und Häuser wieder aufzurichten, steigt das Bruttoinlandsprodukt.

Anders gesagt: Der Wiederaufbau des Landes könnte Japan am Ende einen Wirtschaftsaufschwung bescheren. Japans Premier Naoto Kan spricht schon jetzt von einem wirtschaftlichen Aufschwung, ähnlich wie es die USA mit dem "New Deal" unter dem früheren Präsidenten Roosevelt erlebten. Die Bank Unicredit rechnet vor, dass die Konjunktur Japans im ersten Halbjahr noch deutlich belastet werde. Danach aber dürfte es aber wieder zu "spürbaren Impulsen" kommen. 

Das Land wird ein großes Konjunkturprogramm auflegen müssen

Das ist, wohlgemerkt, das positive Szenario. Die entscheidende Frage ist: Gelingt es Japan, die Atomkatastrophe abzuwenden? Käme es zum atomaren Ernstfall in Fukushima, würde das alle Projektionen auf den Kopf stellen. Eine atomare Wolke, die bis nach Tokyo zöge, wäre eine Katastrophe, auch eine ökonomische: Rund 18 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes werden in der Hauptstadt erwirtschaftet.

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Doch es gibt noch ein weiteres Risiko. Schätzungen von Analysten zufolge wurden während des Bebens und des Tsunamis rund 20 Prozent aller Atomanlagen stillgelegt – rund sechs Prozent des gesamten Energieangebots des Landes. Bereits jetzt wird Energie in Tokyo rationiert, und Versorger warnen vor Ausfällen, die auch die Produktion im ganzen Land behindern können.

Ein letzter unbekannter Faktor wird die Reaktion der Finanzmärkte sein. Japans Wiederaufbau wird Geld kosten, auch staatliches. Das Land wird ein großes Konjunkturprogramm auflegen müssen, um die Schäden zu beseitigen – und wird damit den Haushalt weiter strapazieren. Bereits heute ist das Land nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds mit fast 230 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet, weit stärker als die USA und alle Länder in Europa. Steigt die Verschuldung weiter, wird auch das Misstrauen der Anleger wachsen, dass Japan sein Geld inklusive Zinsen zurückzahlen kann.

In der Welt ist das Misstrauen schon länger. Bereits im Januar reduzierte die Ratingagentur Moody's die Bonitätsbewertung für japanische Staatsschulden um eine Stufe.

Zwar könnte Japans Regierung versuchen, einen Teil der neuen Schulden dadurch zu decken, dass sie Wertpapiere verkauft, die sie in aller Welt gezeichnet hat. Dadurch würde jedoch die heimische Währung Yen aufgewertet. Das ist schlecht für den Export, von dem Japans Wirtschaft maßgeblich abhängt.

Propheten einer japanischen Staatspleite argumentieren so: Bislang konnte das Land die eigenen Staatsschulden vor allem durch seine große Binnenersparnis finanzieren – und war deshalb von ausländischen Kapitalgebern nahezu unabhängig. Im Zuge der demographischen Entwicklung ändert sich das jedoch zunehmend: Die bisherigen Käufer der Staatsanleihen werden zu Rentnern, die mehr konsumieren wollen. Die bislang sehr niedrigen Zinsen für japanische Staatsbonds steigen, die Regierung gerät in die Bredouille, ähnlich wie in Griechenland, Portugal oder Irland.

An einem solchen Szenario könnte auch Nouriel Roubini seine Freude haben.