Es war kurz nach dem Niedergang der Investmentbank Bear Stearns im Frühjahr 2008, als Gerald Epstein im Autoradio ein Interview hörte. "Brauchen wir künftig eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte?" fragte der Moderator. Nein, antwortete ein Ökonom - die Märkte seien effizient und regelten sich selbst. Epstein kannte den Kollegen und wusste: Der Akademiker beriet nebenbei für gutes Geld eine Finanzfirma, er war also befangen. Doch das wurde im Interview mit keinem Wort erwähnt.

Um wen es sich handelte, verrät Epstein bis heute nicht. Doch das Erlebnis inspirierte den Wirtschaftswissenschaftler der University of Massachusetts Amherst zu einer Studie über die finanziellen Eigeninteressen von Ökonomen. Deren Ergebnisse sind haarsträubend und haben in den USA eine heftige Debatte ausgelöst: Soll sich die Zunft einen Verhaltenskodex geben, der sie verpflichtet, Interessenkonflikte offenzulegen?  Jetzt schwappt die Diskussion nach Deutschland: Auch auf der Vorstandssitzung des Vereins für Socialpolitik in der vergangenen Woche stand das Thema auf der Tagesordnung.

Schon lange rätselt die Öffentlichkeit, weshalb so viele Ökonomen in Sachen Krisenprävention kläglich versagten. Lag es möglicherweise auch daran, dass ihre persönlichen Interessen mit denen des Finanzsektors verwoben waren? Vor allem in den USA ist es üblich, dass Wissenschaftler die Grenze zwischen Theorie und Praxis überspringen - sie arbeiten mal im akademischen Raum, mal für ein Unternehmen, mal in der Politik. Diese Durchlässigkeit galt lange als vorbildlich. Doch zu viel Nähe kann auch korrumpieren.

Im April 2009 fand an der Stanford University eine Podiumsdiskussion zur Finanzkrise statt. Einer der Experten war der Ökonom Darrell Duffie. Als ihn ein Student fragte, warum Ratingagenturen Bestnoten für toxische Papiere vergaben, sprach Duffie beschönigend von einem "Fehler". Erst auf eine weitere Frage hin räumte er ein, dass er selbst im Verwaltungsrat der Ratingagentur Moody's sitzt.

Ähnliche Interessenkonflikte deckt US-Regisseur Charles Ferguson in seinem Film "Inside Job" auf: Harvard-Professor Martin Feldstein, schon unter Ronald Reagan ein Advokat der Deregulierung, saß über 20 Jahre im Verwaltungsrat des Versicherers AIG und verdiente dabei Millionen.

Glenn Hubbard, Dekan der Columbia Business School, pries in einer Studie die segensreichen Wirkungen von Derivaten - und saß in den Verwaltungsräten des Hypothekenfinanzierers Capmark und des Versicherungsriesen Met-Life. Ganz zu schweigen von Multitalent Larry Summers - er war Harvard-Professor und Weltbank-Chefökonom, unter Bill Clinton Finanzminister und Deregulierer, später millionenschwer bezahlter Geschäftsführer des Hedge-Fonds D.E. Shaw, schließlich Wirtschaftsberater von Obama.

"Es ist Zeit, diesen Klub zu öffnen und für Transparenz zu sorgen", sagt Gerald Epstein. In seiner Studie untersuchte er die Verbindungen von zwei einflussreichen Ökonomen-Zirkeln, die Vorschläge zur Reform der Finanzmarktregulierung erarbeitet hatten. Rund 70 Prozent der Forscher hatten massive Eigeninteressen - sie saßen in Verwaltungsräten von Finanzfirmen, arbeiteten als Consultants oder hatten eigene Unternehmen. Äußerten sie sich öffentlich, etwa in Vorträgen oder Zeitungsbeiträgen, verschwieg mehr als die Hälfte von ihnen die Nebenbeschäftigungen.

Das muss sich ändern, ist Epstein überzeugt In einem offenen Brief an die "American Economic Association" forderte er im vergangenen Monat einen "Ethik-Kodex", der die Mitglieder zwingt, mögliche Interessenkonflikte zu offenbaren.