Der Preis der Freiheit – Seite 1

Nébil Kaffel ist wütend. "Ich habe alles verloren, mein Geschäft, meine Angestellten, mein Geld", schimpft der 31-jährige Software-Unternehmer und zieht einen Packen Kontoauszüge aus der Jackentasche. "Schaut her, ich habe nichts mehr. Ich war gerade auf der Bank. Diese Krise macht alles kaputt." Kaffel ist in Tunis in die Kasbah auf den Platz zwischen dem Finanzministerium und dem Sitz des Premierministers gekommen.

Tausende vor allem junge Menschen halten dort seit Tagen in einer Zeltstadt Wache und demonstrieren gegen die Übergangsregierung. Kaffel macht ihre Blockadehaltung dafür verantwortlich, dass ihm zwei Großkunden in Italien und Frankreich wegen Lieferschwierigkeiten den Rücken kehrten. "Sit-in, Sit-in, bis die Regierung stürzt", tönt es ihm entgegen. "Ihr schafft nur noch mehr Arbeitslose", brüllt er zurück.

Was ist richtig, was ist falsch? Antworten darauf zu finden, ist nicht einfach seit dem Sturz des Präsidenten Sain al-Abidine Ben Ali vor sechs Wochen. Das tunesische Volk hat einen Diktator entmachtet, doch in der Euphorie darüber wankt nun die Wirtschaft des Landes. Die Urlauber bleiben aus und gefährden damit die 350.000 Arbeitsplätze in der Branche. In jeder dritten tunesischen Familie verdiente bisher mindestens ein Mitglied den Unterhalt im Tourismus. Zehn Prozent trug der Tourismus zur Wirtschaftsleistung Tunesiens bei. 

Derzeit lähmen landesweite Streiks für höhere Löhne und bessere soziale Bedingungen die Arbeit in den Unternehmen und blockieren Transportwege. Und die Arbeitslosen, darunter viele junge Akademiker, fordern mit Nachdruck eine Regierung, die ihnen ein Auskommen verschafft. Jetzt sofort. Wenn sich die Lage nicht in spätestens drei bis vier Monaten stabilisiere, warnt der Gouverneur der tunesischen Notenbank, Mustapha Kamel Nabli, werde sein Land internationale Finanzhilfen benötigen.

Tunesien verzeichnete in den vergangenen Jahren Wachstumsraten von vier bis fünf Prozent. Wenn man bedenkt, wie viele Millionen Dinar sich der Clan des Präsidenten Ben Ali direkt und indirekt über seine Beteiligungen an fast 200 Unternehmen in die eigene Tasche schob, könnte es eigentlich nur besser werden. Doch Tunesien hat ein großes Problem. Den 85.000 bis 90.000 jungen Leuten, die jedes Jahr die Schule verlassen, stehen lediglich 60.000 bis 65.000 freie Stellen gegenüber. 75 Prozent der Schulabgänger haben Abitur, viele studieren. Aber es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Jurist mangels adäquater Alternativen als Verkäufer für einen Mindestlohn von 280 Dinar (rund 140 Euro) an einem Obststand arbeitet oder ein ausgebildeter Ingenieur in einem Call-Center.

Der Staat und die Banken müssten Unternehmensgründungen fördern, forderte der marokkanische Ökonom Lahcen Achy bereits vor Jahren in einer Studie über die Arbeitslosigkeit in den Maghreb-Staaten. "Bisher war dafür kein Geld da." Darlehen gingen an andere Adressen. Laut Notenbank-Chef Nabli gewährten Tunesiens Banken dem Ben-Ali-Clan zuletzt Kredite in Höhe von 2,5 Milliarden Dinar - rund 1,3 Milliarden Euro. 

Tunesien braucht dringend eine neue Verfassung

Die neu gewonnene Freiheit könnte Tunesien jedoch in einen Abwärtsstrudel reißen, fürchten Unternehmer. Selbst solche, die keine gemeinsame Sache mit Ben Ali machten, verweisen mit Sorge auf die politische Unsicherheit, die an die Stelle des alten Regimes getreten ist. "Vor sechs Wochen war ich bereit, sehr viel mehr zu riskieren als ein schlechtes Geschäftsjahr", sagt Mehdi Allani. "Ich bin es immer noch. Aber die Demonstranten in der Kasbah müssen einsehen, dass sie dem Land schaden. Sie können die Regierung nicht mit immer neuen Forderungen vor sich hertreiben, sondern müssen sie in Ruhe arbeiten lassen."

Allanis Familie gehört ein vornehmes Hotel in Hammamet. Der 35-Jährige führt es, seit sein Vater vor 14 Jahren gestorben ist. Jeden Tag, sagt er, stornierten Dutzende ihren Urlaub in seinem Haus. Erst recht, seit die blutigen Unruhen am vergangenen Wochenende erneut Zweifel an der Sicherheit im Land geschürt haben. Warum es zu den Ausschreitungen mit fünf Toten kam, darüber kann auch Allani nur spekulieren. Waren es vom alten Regime bezahlte Casseurs , Schlägertruppen, die den Aufruhr anzettelten? Verfolgen womöglich extreme Gruppierungen am linken und rechten politischen Rand ihre eigenen Ziele mit dem Protest im Regierungsviertel? Die Großgewerkschaft UGTT? Islamisten gar? Die Gerüchte erhalten jeden Tag neue Nahrung.

Unternehmer wie Allani jedenfalls wollten nach dem vergangenen Wochenende ein Gegengewicht schaffen. Für den morgigen Samstag haben sie eine Großdemonstration vor der Coupole, dem riesigen Sportstadion im Norden von Tunis geplant. Gegen die "Geiselnahme der Regierung", wie sie es nennen. Und dagegen, dass sich die Leute von der Kasbah als alleinige Wächter der Revolution bezeichnen. Die ganze Woche über trafen sich an der Coupole bereits Tausende ab 17 Uhr abends, schwenkten Flaggen und Fähnchen in den tunesischen Landesfarben. Viele kamen in Anzug und Krawatte direkt von der Arbeit. Sie sind Privilegierte der Gesellschaft, anders als die Studenten, Künstler und Arbeitslosen in der Kasbah, das wissen sie. Manchen halten sich gar für etwas Besseres und schimpfen offen gegen "die Arbeitsscheuen, die nicht mal wissen, wie man einen Computer bedient".

Die Ankündigung von Übergangspräsident Fouad Mebazaa am Donnerstagabend, dass am 24. Juli Wahlen zu einer Verfassung gebenden Versammlung stattfinden sollen, könnte die Entspannung bringen, die Tunesien braucht, um nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen. In der Kasbah wollten sie darüber reden, die Demonstrationen abzubrechen, sagt Jassir Jeradi, ein junger Künstler.

Dass Tunesien eine neue Verfassung braucht, darüber herrscht auch an der Coupole Einigkeit. Womöglich kommt auch noch ein Pakt gegen sofortige Lohnerhöhungen zu Stande. Die Regierung ist, um Ruhe zu finden, nach Karthago ausgewichen. Nébil Kaffel, der Software-Unternehmer, aber hat den Mut verloren. Er fliegt zu seinem Vater – nach Würzburg.

Anm. der Red. (18:00 Uhr): Inzwischen haben die Demonstranten die Zeltstadt in der Kasbah aufgelöst und die Zelte an die Grenze für die ankommenden Flüchtlinge aus Libyen geschickt. Die Unternehmer haben die für Samstag geplante Großdemonstration in eine Feier für alle umdeklariert.