Zuerst streckte der Präsident der Stuttgarter Industrie- und Handelskammer, Herbert Müller, die Hand aus. Gleich am Tag nach der Wahl verkündete er: "Wir gratulieren den Wahlsiegern und wünschen ihnen eine glückliche Hand für unser Land." Der neuen Landesregierung werde die IHK "mit Rat und Tat" zur Seite stehen. Das Friedensangebot passte zu den Signalen, die der neue grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann schon am Wahlabend aussandte. Er wolle die Polarisierung des harten Wahlkampfs überwinden, betonte der 62-Jährige wieder und wieder. Zu dieser Polarisierung gehörte vor allem der Vorwurf der unterlegenen CDU, die Grünen seien eine Dagegen-Partei, die das Land wirtschaftlich weit zurückwerfen werde.

Salbungsvoll klingt auch, was Hans-Eberhard Koch, Präsident des Landesverbandes der Baden-Württembergischen Industrie (LVI), von sich gibt. Man habe schon vor dem Regierungswechsel mit allen Landtagsfraktionen geredet, auch mit den Grünen und der SPD. So werde es bleiben. Er habe den Eindruck, so Koch, "dass Winfried Kretschmann und Nils Schmid im Kern Pragmatiker sind". Das klingt allerdings mehr nach einer Hoffnung als nach einer Erkenntnis.

Die Sprachregelung der Wirtschaftsverbände beschönigt die wahre Stimmung, die innerhalb der traditionellen Industrie des Südwestens herrscht. Sie reicht von tiefen Zweifeln bis zu blankem Entsetzen. "Das ist eine mittelschwere Katastrophe", sagt der Sprecher eines international aufgestellten Technologieunternehmens am Bodensee. Namentlich will er in der Presse nicht erscheinen. Der Regierungswechsel werde "dem Standort Baden-Württemberg massiv schaden". In seiner Vorstandsetage, so der Sprecher, herrsche außerdem die Sorge, die Kanzlerin Angela Merkel könnte einen Schwenk "in Richtung Rot-Grün machen".

Wie die Unternehmer in Baden-Württemberg wirklich denken, weiß man natürlich auch beim LVI. "Dass Dinge kommen, die der Wirtschaft weh tun, steht außer Frage", sagt ein Insider. Aufgeschreckt haben den Verband vor allen die Forderung der Grünen nach einer Ausbildungsplatzabgabe und der Abschaffung der Studiengebühren. Wenn außerdem Gelder für Bildungseliten gestrichen würden, verschärfe das mittelfristig die Lage am Arbeitsmarkt, denn in vielen Branchen werde längst um den akademischen Nachwuchs gekämpft. "Wenn die Parteiprogramme eins zu eins umgesetzt werden, dann müssen wir uns Sorgen machen", lautet sein Fazit.

Es ist nicht so sehr Kretschmann, der die Ängste der Wirtschaft verkörpert. Vielmehr fragen sich viele, wie der künftige Regierungschef mit dem linken Flügel seiner Partei umgehen wird, für den vor allem die baden-württembergische Automobilindustrie ein rotes Tuch ist. Daimler, Porsche und Co. sind für Teile der Grünen nur Klimaverschmutzer.

Daimler will auf diesen potenziellen Konflikt nicht näher eingehen. Der Konzern äußert sich nur schriftlich zum Regierungswechsel – und in dürren Worten: "Daimler ist mit Zukunftstechnologien seit langem führend, was für eine neue Landesregierung natürlich auch ein zentrales Thema ist. Wir werden selbstverständlich auch mit der neuen Landesregierung konstruktiv zusammenarbeiten." Andere Konzerne, wie der Heidenheimer Maschinenbauer Voith, verlieren gar kein Wort zum Wechsel. 

Die Zeit der kurzen Wege ist vorbei

Franz Fehrenbach hingegen, Vorsitzender der Geschäftsführung des Autozulieferers Bosch, hat kurz nach der Wahl ein Statement veröffentlicht. Er stellte klare Forderungen: "Wir erwarten, dass das neue Regierungsprogramm stabile, verlässliche Rahmenbedingungen beschreibt. (…) Für die Attraktivität als Wirtschaftsstandort bleiben die Förderung von Forschung und Entwicklung, eine moderne Verkehrsinfrastruktur, eine auf Erfolg gerichtete Bildungspolitik, eine familienfreundliche Betreuungs-Struktur sowie eine nachhaltige, bezahlbare Energieversorgung entscheidend."

Es geht natürlich auch um die bequemen, kurzen Wege, die bisher von den Vorstandsetagen direkt in die Stuttgarter Staatskanzlei geführt haben und die jetzt erst einmal verbaut sind. Der Künzelsauer Schraubenhändler Reinhold Würth, Träger der Goldenen Ehrennadel der Handwerkskammer Heilbronn-Franken, Ehrensenator der Universität Stuttgart, allseits geschätzter Förderer von Kunst und Kultur im Land, hatte noch jederzeit freien Zugang zu Günther Oettinger, als gegen ihn längst ein Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung lief.

Später, nach der Verurteilung zu einer Geldstrafe, lobte Oettinger-Nachfolger Stefan Mappus öffentlich, dass Würth das Bundesverdienstkreuz trotz seiner Vorstrafe behalten durfte. Als das auf Krediten aufgebaute Firmenimperium Adolf Merckles zu kippen begann, konnte er umgehend in die Staatskanzlei fahren, um über eine Landesbürgschaft zu verhandeln. Es war ein diskretes, bestens funktionierendes Miteinander im Land, von dem allerdings einige Wirtschaftszweige mangels Größe ausgeschlossen waren. Zum Beispiel die Hersteller von Solar- und Windkraftanlagen.

Martin Herrenknecht gehört zu den Unternehmern, die schon im vergangenen Jahr vor einer Abwahl der CDU gewarnt haben. Herrenknecht, selber CDU-Mitglied, ist, seit Parteispenden öffentlich gemacht werden müssen, als spendabler Förderer seiner Partei bekannt. Vehement tritt er für den Bau von Stuttgart 21 ein, was dem Firmenchef aus dem badischen Schwanau harsche Kritik eingebracht hat. Schließlich bezeichnet sich das Unternehmen als Weltmarktführer für Tunnelvortriebsmaschinen. Und Tunnel werden beim Bau von Stuttgart 21 viele gebraucht werden.

Derzeit befindet sich Herrenknecht mit dem CSU-Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, der Baden-Württemberg gerade noch mit Geldentzug gedroht hat, auf einer Reise nach Brasilien. Über seine Pressestelle lässt Herrenknecht aber ausrichten: "Jetzt müssen uns die Grünen und die SPD in einer möglichen gemeinsamen Regierung zeigen, ob sie echte Verantwortung für das Musterland Baden-Württemberg übernehmen können. Nur Aussteigen und Dagegen sein und den Demonstranten hinterherlaufen, das reicht dafür nicht aus."

Die Vorbehalte der Wirtschaft werden Kretschmann und Schmid nun ständig begleiten. Angesichts anstehender Koalitionsverhandlungen, kündigt Stuttgarts IHK-Präsident Müller an, werde man "die Positionen der Wirtschaft noch einmal deutlich artikulieren". Aus einem anderen exportierenden Großunternehmen des Landes kommt eine Bemerkung, die nach Galgenhumor klingt. Bei der Wahl des brasilianischen Staatspräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, Sozialist und Ex-Gewerkschaftsführer, hätten Vorstände auch die Hände überm Kopf zusammengeschlagen. Und dann habe Lula sein Land doch zu einem Gewinner gemacht.