Als Angestellter einer Speditionsfirma verdient Hu Xinwei für chinesische Verhältnisse gar nicht mal so schlecht. Rund 8000 Yuan bringt der gelernte Kaufmann im Monat nach Hause. Für Miete, Strom und sonstige Lebenshaltungskosten gibt der 29-Jährige vielleicht 4000 Yuan aus. Üppig ausgestattet hat er seine rund 40 Quadratmeter große Wohnung am nördlichen Stadtrand von Peking dennoch nicht. Ein Metallbett steht in einer Ecke des Zimmers, ein paar Kisten fliegen herum, in denen er seine Kleidung verstaut, dazu ein Klapptisch und ein alter Röhrenfernseher. Seit er vom Nierenleiden seines Vaters erfahren habe, spare er. "Man kann nie wissen, welche Ausgaben für medizinische Versorgung noch anstehen."
Hu ist bei weitem nicht der Einzige, der sein Geld auf die hohe Kante legt. (…)

Ökonomen im Westen schütteln manchmal mit dem Kopf, wenn sie sich den immer weiter steigenden Währungs- und Devisenschatz der Chinesen anschauen. Auf knapp drei Billionen US-Dollar ist der Wert bereits gestiegen. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Viele unken bereits, dass dieser Schatz Chinas wertlos ist. Die Chinesen hätten jahrelang für wertloses Papier geschuftet.

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In China ist die Kalkulation eine andere. Die Regierung hat in den letzten Jahren ihre Wirtschaft so stark auf Wachstum getrimmt, weil sie damit für die Zukunft vorbauen will. "Die zweistelligen Wachstumsraten, die wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten erzielt haben, müssen wir eigentlich durch zwei teilen«, sagte unlängst ein Regierungsberater. Denn das seien die Summen, die China ab 2020 bis 2050 fehlen werden. Auf 30 satte Jahre folgen 30 magere, so die Logik.

Ob die Kalkulation genau aufgeht, bleibt dahingestellt. Was die chinesische Führung aber damit ausdrücken möchte: Bevor das große demografische Problem auftritt, muss China vorgesorgt haben. Es muss bis dahin über ein funktionierendes Gesundheitssystem verfügen. Es muss bis dahin allen seinen Menschen genügend Wohnraum verschafft haben. Es muss bis dahin technologisch so fortgeschritten und innovativ sein, dass es auch eine Bevölkerung versorgen kann, von der sich 30 Prozent im Invalidenalter befinden. Und es muss im Bereich der Bildung an der Weltspitze stehen. Denn wenn die Volksrepublik nicht mehr mit Arbeitsmasse auf dem Weltmarkt brillieren kann, muss sie dies mit klugen Köpfen tun. Bei allen Sozialprogrammen ist der Countdown auf das Jahr 2020 gestellt. Danach beginnt für China tatsächlich eine neue Zeitrechnung. Ab dann schrumpft die Bevölkerung.

Die Erlöse aus der Exportwirtschaft werden der Garant dafür sein, den bis dahin erzielten Wohlstand erhalten zu können. Allerdings ist es so, dass die momentan so gigantische Summe von bis 2020 vielleicht acht oder zehn Billionen US-Dollar dann nicht mehr so groß erscheint – immerhin gilt es dann, eine Durststrecke von rund 30 Jahren durchzustehen. Dieser Devisenschatz könnte angesichts sich umkehrender Handelsbilanzen in einem ähnlichen Tempo dahinschmelzen, wie er gewachsen ist. Aktuell geht die chinesische Regierung verstärkt auf Einkaufstour, um dieses Vermögen schon jetzt langfristig gewinnbringend anzulegen.