In der Frage, wer dem scheidenden EZB-Präsidenten Trichet folgen soll, hat Frankreich Position bezogen. Geht es nach Präsident Nicolas Sarkozy, soll der italienische Notenbankchef Mario Draghi Herr über den Euro werden. "Wir unterstützen ihn nicht, weil er ein Italiener ist. Wir unterstützen ihn, weil er ein exzellenter Kandidat ist", sagte Sarkozy bei einer Pressekonferenz mit Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi. "Im Übrigen ist dies ein ausgezeichnetes Signal an alle Italiener, die die Rolle Italiens innerhalb der EU bezweifeln."

Mit diesem öffentlichen Bekenntnis erhöht Sarkozy den Druck auf die deutsche Regierung, Stellung zu nehmen oder einen eigenen Kandidaten vorzuschlagen. Regierungssprecher Steffen Seibert reagierte zunächst verhalten: Man werde sich "rechtzeitig" zu Kandidaten äußern. Eine Entscheidung über die Nachfolge Trichets falle ohnehin erst beim EU-Gipfel im Juni. Offenbar war man in Berlin von Sarkozys Äußerung überrascht worden. Erst vergangene Woche hatte ein Regierungssprecher gesagt, dass es keinen Zeitdruck in der EZB-Kandidatenfrage gebe.

Deutlicher wurde Klaus-Peter Flosbach, finanzpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er kritisierte die Festlegung Sarkozys. "Personalfragen jetzt öffentlich zu diskutieren, halte ich weder für die EZB noch die Beteiligten für angemessen."

Dennoch gilt es als unwahrscheinlich, dass Deutschland einen eigenen Kandidaten aufstellt, nachdem sich Bundesbankpräsident Axel Weber zuletzt selbst aus dem Rennen genommen hatte. Auch Flosbach wollte zur Person Draghi keine Stellung nehmen, sondern mahnte lediglich: "Die EZB muss ein Hort der Geldwertstabilität sein. Für uns ist daher entscheidend, dass an der Spitze ein Garant für eine stabile Geldmarktpolitik steht."

Analysten gehen daher davon aus, dass mit Sarkozys Stellungnahme die Entscheidung für Draghi gefallen ist. "Ich denke, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn unterstützt", sagte Unicredit-Experte Marco Valli. Der Italiener wisse eine Mehrheit im EZB-Rat hinter sich, er sei bei Politikern beliebt und werde am Finanzmarkt positiv aufgenommen. "Ich wäre sehr überrascht, wenn er den Job nicht bekommt."

Der frühere Harvard-Professor ist Vorsitzender des Finanzstabilitätsrats (FSB) und in der Fachwelt höchst angesehen. Die französischen Bedenken wegen seiner Vergangenheit als Manager der US-Investmentbank Goldman Sachs scheinen inzwischen vom Tisch zu sein. Weitere Kandidaten wie der luxemburgische Notenbankchef Yves Mersch und der finnische Spitzen-Notenbanker Erkki Liikanen, haben weniger internationale Erfahrungen gesammelt.

Trichets Amtszeit endet im Oktober. Auf den neuen EZB-Präsidenten kommen schwierige Entscheidungen zu. Die Notenbank hatte Anfang April die Zinsen erstmals seit fast drei Jahren angehoben und damit auf die gestiegene Inflation reagiert. Sie muss nun bei ihrem weiteren geldpolitischen Kurs zwischen den zunehmenden Inflationsgefahren und der andauernden Schuldenkrise am Rand der Euro-Zone abwägen. Die Spekulationen über eine Umschuldung in Griechenland häufen sich. Zudem arbeiten EZB-Vertreter derzeit in Portugals Hauptstadt Lissabon die Details für das dritte Rettungspaket eines Euro-Staates aus.