Wenn der britische Notenbanker Andy Haldane erklären will, wie es zum größten Finanzcrash unserer Zeit kommen konnte, dann spricht er nicht über Banken. Er spricht auch nicht über Subprimekredite, nicht über strukturierte Wertpapiere und falsche Finanzmarktregulierung.

Haldane redet über den 16. November 2002. An diesem Tag diagnostizierten chinesische Ärzte zum ersten Mal die Lungenkrankheit SARS. Kurz danach versank ganz Asien in der Krise: Der Tourismus brach zusammen, ganze Volkswirtschaften standen vorübergehend still. Das Virus, so schätzen Forscher, richtete 100 Milliarden US-Dollar Schaden an – dabei entpuppte sich die Krankheit am Ende als harmlos. Ein winziges Ereignis am 16. November 2002 genügte, um eine ganze Region aus dem Gleichgewicht zu werfen. "Die Parallelen zur Finanzkrise sind augenfällig", sagt Haldane.

Netzwerke, egal ob sie aus Menschen, Tieren, Pflanzen oder eben aus Banken bestehen, funktionieren nach denselben Prinzipien, ist der Zentralbanker überzeugt. Die Furcht vor dem SARS-Virus und das Finanzchaos nach der Lehman-Pleite seien typisch für die Reaktion komplexer Netzwerke unter Stress.

Immer mehr Ökonomen beschäftigten sich mit Parallelen zwischen Ökosystem und Wirtschaftswelt. Beides sind komplexe Systeme, die durch gegenseitige Abhängigkeiten geprägt sind. Um besser zu verstehen, warum Krisen entstehen und Finanzsysteme kollabieren, greifen Wirtschaftsforscher auf Erkenntnisse von Biologen, Physikern und Epidemiologen zurück, die das Zusammenspiel verschiedener Spezies seit Jahrzehnten erforschen.

Ein Vertreter dieser Forschungsrichtung ist Stephen Polasky, Ökonomieprofessor an der Universität Minnesota. Polasky nimmt den Begriff "Feldversuche" wörtlich und wertet Experimente aus, die die Bedeutung von Pflanzenvielfalt untersuchen: "Je mehr unterschiedliche Einheiten konkurrieren, desto größer, produktiver und stabiler ist ein System", lautet sein Fazit. Diversität biete eine "Versicherung" gegen Systemzusammenbrüche – in der Natur wie in der Wirtschaft.

Diese Erkenntnis haben Banker und Aufseher bis 2008 vernachlässigt, kritisieren der Bank-of-England-Volkswirt Haldane und der Oxforder Zoologe Robert May im Wissenschaftsmagazin Nature . Die Finanzinstrumente der Banken seien zwar immer komplexer geworden. Doch gleichzeitig habe die Vielfalt im System abgenommen – alle Kreditinstitute hätten ähnliche Geschäfte gemacht. Dieses Herdenverhalten habe zu einer ungesunden Monokultur geführt.

In Computersimulationen, in die Erkenntnisse aus der biologischen Netzwerkforschung einfließen, zeigen Haldane und May: In solchen Netzwerken können sich vergleichsweise kleine Schocks wie die Pleite einer einzelnen Bank schnell zu gefährlichen Epidemien ausweiten. Weil Großbanken untereinander viele Geschäfte machen, "ist die Ansteckungsgefahr besonders groß", schreiben sie. Da eng vernetzte Banken wegen der zu befürchtenden Kettenreaktionen von Regierungen gerettet werden, komme es zu einem survival of the fattest statt einem survival of the fittest