Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank haben zum Auftakt ihrer Frühjahrstagung die Vernachlässigung sozialer Fragen während des aktuellen wirtschaftlichen Aufschwungs kritisiert. IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn rief zur Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit in der Welt auf. Der Aufschwung nach der Wirtschafts- und Finanzkrise produziere noch nicht genügend Jobs. "Das ist nicht der Aufschwung, den wir wollen", sagte Strauss-Kahn. "Wir müssen schnell handeln. Was wir brauchen, sind Jobs, Jobs, Jobs."

Der Anfang der Woche vorgestellten IWF-Prognose für die Weltkonjunktur zufolge wächst die globale Wirtschaft in diesem Jahr um 4,4 Prozent und 2012 um 4,5 Prozent. Zugleich sind den Angaben zufolge 205 Millionen Menschen weltweit auf der Suche nach einem Job, ein Anstieg um 30 Millionen im Vergleich zu 2007. "Wir brauchen mehr als nur Wachstum, wir brauchen eine aktive Politik", sagte Strauss-Kahn.

Die weltweit rasant gestiegenen Nahrungsmittelpreise drohen nach Einschätzung der Weltbank die globale Armut weiter zu verschärfen. "Immer mehr Arme leiden darunter, und immer mehr Menschen könnten durch hohe und stark schwankende Lebensmittelpreise in Armut gestürzt werden", warnte Weltbank-Präsident Robert Zoellick. Einem neuen Bericht der Entwicklungshilfeorganisation zufolge kostet Nahrung im weltweiten Durchschnitt 36 Prozent mehr als vor einem Jahr.

"Wir können nicht warten, die Uhr läuft gegen uns. Wir müssen uns beeilen, um Schritt zu halten, wollen wir nicht eine ganze Generation verlieren", sagte Zoellick. Hohe und stark schwankende Preise zusammen mit hohen Treibstoffkosten "ergeben ein giftiges Gebräu, das tiefe Schmerzen verursacht und soziale Unruhen schürt".

Ein erneuter Preisanstieg um zehn Prozent würde für weitere zehn Millionen Menschen ein Leben in Armut bedeuten, sagte Zoellick. Bei einer Erhöhung um 30 Prozent würde sogar 34 Millionen Menschen dieses Schicksal ereilen. Rund 1,2 Milliarden Menschen leben der Weltbank zufolge derzeit in Armut. Seit vergangenem Juni sackten den Angaben zufolge 44 Millionen Menschen zusätzlich unter die Armutsschwelle, müssen also mit weniger als 1,25 Dollar am Tag auskommen.

Zoellick und Strauss-Kahn verwiesen beide auf die Unruhen in den arabischen Ländern , in denen sich der Unmut über mangelnde Jobperspektiven und hohe Lebensmittelpreise widerspiegelten. Der Weltbank-Präsident nahm die führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) in die Pflicht, deren Finanzminister und Notenbankchefs am Rande der dreitägigen Frühjahrstagung zusammenkommen. Die Gruppe müsse die Preisschwankungen unterbinden und die sichere Versorgung mit Lebensmitteln garantieren, forderte Zoellick.

Die Weltbank macht eine Reihe von Ursachen für den rasanten Preisanstieg verantwortlich, darunter höhere Treibstoffkosten, schlechte Ernten, Exportbeschränkungen, gestiegene Biotreibstoffproduktion und geringe Lagerbestände. Arme sind von steigenden Nahrungspreisen besonders betroffen, weil sie einen weit höheren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen als Menschen in Industrieländern. Als Gegenmaßnahmen fordert die Weltbank gezielte Hilfsprogramme für Menschen in Not und die Beseitigung von Ausfuhrbeschränkungen. Daneben müsse es mehr Investitionen in den vernachlässigten Agrarsektor geben.

Mit Blick auf die Lage der Weltwirtschaft sagte Strauss-Kahn, es gebe Ungleichgewichte zwischen den Wirtschaftsmächten und Ungleichgewichte innerhalb der Länder. An den internationalen Finanzmärkten müssten die wachsenden Probleme mit dem Schattenbanksektor sowie der Umgang mit großen, grenzüberschreitenden Finanzinstituten angegangen werden. Strauss-Kahn verwies zudem auf die neuen Bankenstresstests in Europa, die eine weitere Eigenkapitalstärkung zur Folge haben dürften.

Am Rande der Frühjahrstagung kommen auch die Finanzminister der führenden Industrieländer (G 7) zu Beratungen über die Lage in Nordafrika und im Nahen Osten zusammen. Zudem erörtern die wichtigsten Wirtschaftsmächte die Finanzmarktreformen.