In einem der bedeutsamsten deutschen Wirtschaftsprozesse könnte der ehemalige Chef des Handelskonzerns Arcandor, Thomas Middelhoff, zu Schadenersatz verurteilt werden. Die Kammer für Handelssachen am Essener Landgericht kam nach vorläufiger Beratung zu dem Schluss, dass Middelhoff 2005 beim Verkauf einer Wiesbadener Karstadt-Immobilie gegen unternehmerische Pflichten verstoßen haben könnte. So könne es auch bei weiteren früheren Vorständen von Arcandor (Karstadt, Quelle) gewesen sein.

Zur Höhe des möglichen Schadenersatzes sagten die Richter nichts.

Arcandor ist seit 2009 pleite. Gegen den 57-jährigen Middelhoff und weitere zehn frühere Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder der Aktiengesellschaft hatte Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg Klage eingereicht. Insgesamt verlangt er 175 Millionen Euro Schadenersatz. Hintergrund sind die umstrittenen Verkäufe von fünf Karstadt-Häusern an den Oppenheim-Esch-Fonds 2005.

Nach Ansicht Görgs waren diese Geschäfte für Arcandor von wirtschaftlichem Nachteil. Die Richter konnten bei vier der fünf Verkäufe laut ihrer vorläufigen Einschätzung jedoch keine Pflichtverletzungen erkennen.

Der frühere Bertelsmann-Manager Middelhoff wies die Vorwürfe des Insolvenzverwalters zurück. "Diese Klage ist ohne Substanz und damit verbunden auch die Kampagne, die ich zwei Jahre über mich ergehen lassen musste", sagte Middelhoff der ZEIT. "Herr Görg hat eine Theorie, die jeden Wirklichkeitsbezug vermissen lässt."

Die Theorie bestehe darin, "dass ich mit dem Bauunternehmer und Vermögensverwalter Josef Esch sowie mit der Bank Sal. Oppenheim zum Nachteil von Karstadt zusammengearbeitet haben soll – und zwar aus Eigennutz", sagte Middelhoff. Er habe dagegen lediglich bereits verbindlich geschlossene Verträge erfüllt.

Middelhoff hatte seinerseits eine Klage wegen Prozessbetrugs gegen Görg angekündigt. Zudem will er vor Gericht Schadenersatz von Görg fordern. "Er hat gegen die prozessualen Wahrheitspflichten verstoßen und wird sich dafür zur Verantwortung ziehen lassen müssen", sagte Görg der Bild. Ebenso müsse Görg geradestehen für "den wirtschaftlichen Schaden, der mir durch sein Handeln entstanden ist".

Seit der Arcandor Pleite wird Middelhoff mit Klagen überhäuft. Im Zusammenhang mit der Pleite ermittelt die Staatsanwaltschaft aber auch gegen Oppenheim Esch. Jüngst hat außerdem die Quelle-Erbin und Arcandor-Investorin Madeleine Schickedanz eine Schadenersatzklage gegen Vermögensberater Esch angekündigt. Der wiederum hat eine Mitschuld an deren Millionen-Verlusten bei Arcandor zurückgewiesen.

In einem weiteren Verfahren vor dem Landgericht klagt zudem der Chefredakteur der Zeitungsgruppe Welt, Jan-Eric Peters, auf Schadensersatz von Middelhoff für Verluste mit Arcandor-Aktien. Hier könnte am 28. April ein Urteil ergehen.

Im Zuge der Insolvenz hatte Görg den Konzern aufgeteilt. Das Versandhaus Quelle machte dicht, den Kaufhauskonzern Karstadt erwarb der Investor Nicolas Berggruen.