Die von Bund und Ländern vor wenigen Wochen abgeschalteten Atomkraftwerke sind nach Ansicht der Bundesnetzagentur derzeit nicht ohne Weiteres zu ersetzen. Die Behörde warnte davor, rasch weitere Meiler vom Netz zu nehmen, wie Parteien und Umweltverbände es diskutieren. Es sei "dringend davon abzuraten, kurzfristig weitere Abschaltungen über die acht Kernkraftwerke hinaus anzuordnen, die nicht ausreichend mit den Energieversorgern abgesprochen sind", schreibt die Behörde in einem Bericht an die Bundesregierung, aus dem das Handelsblatt zitiert.

Für die Dauer des dreimonatigen Atom-Moratoriums sei der Ausfall vermutlich beherrschbar, dies gelte voraussichtlich auch für das restliche Sommerhalbjahr, hieß es. "Herbst und Winter dieses Jahres werden aber vermehrt mit angespannten Netzsituationen einhergehen", warnt die Bundesnetzagentur in dem Bericht zu den Auswirkungen des Atom-Moratoriums.

Nach der Atomkatastrophe in Fukushima hatte die Bundesregierung ein dreimonatiges Atom-Moratorium verhängt, währenddessen die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke vom Netz bleiben müssen. In dieser Zeit lässt die Regierung die Risiken der Atomkraft durch die Reaktorsicherheitskommission neu überprüfen. Sie berief auch eine neue Kommission ein, die unter Leitung des früheren Umweltpolitikers Klaus Töpfer herausfinden soll, welche Risiken der Gesellschaft noch zu vermitteln sind und welche nicht.

Erst nach Ablauf des Moratoriums, der Bewertung der Untersuchungsergebnisse und einem neuen Laufzeitgesetz wird klar sein, wann die letzten Meiler vom Netz gehen. Die Energiewirtschaft hält einen Komplettausstieg bis 2020 für möglich. Das Moratorium hatte heftige politische Debatten bewirkt, weil die Bundesregierung erst im Herbst 2010 die Laufzeiten für Atomkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre verlängert hatte – gegen den erbitterten Widerstand der Opposition von SPD, Grünen und Linken.

Die Netzagentur fordert die Bundesregierung ausdrücklich auf, vor "weiteren Maßnahmen die konkreten Ergebnisse der Netzberechnungen der Energieversorger abzuwarten". Für zusätzliche Stilllegungen von Kraftwerkskapazitäten gebe es derzeit "keinen Puffer". Zwingende Alternativen zur Atomkraft sind danach der Ausbau von Kohle- und Gaskraftwerken. "Es ist unabdingbar, die Fertigstellung bereits im Bau befindlicher Kraftwerke zu gewährleisten und die Realisierung geplanter Projekte zu beschleunigen", schreibt die Behörde.

Langfristig ist die Situation jedoch vermutlich weniger dramatisch. Nach Ansicht des Stuttgarter Energieexperten Joachim Nitsch lässt sich die Leistung der 17 deutschen Atomkraftwerke in den kommenden Jahren vollständig ersetzen. Bis 2020 könne die Energiewirtschaft 130 Terawattstunden zusätzlich aus Erneuerbaren Energie bereitstellen, schrieb der Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in einem Gastbetrag für ZEIT ONLINE. Auch die Windkraftbranche ist optimistisch, dass die Leistung der Meiler sich ersetzen lässt.

Mit der Abschaltung der alten AKW wuchs auch die Sorge, Deutschland importiere im großen Stil Atomstrom aus dem Ausland, insbesondere Frankreich. Der Bundesverband der Energie-und Wasserwirtschaft teilte Anfang April mit, der Import aus AKW-Ländern wie Frankreich oder Tschechien habe sich verdoppelt. Laut Öko-Institut hat der Wegfall der Kraftwerksleistung aber die Produktion von Atomstrom in Nachbarländern aber nicht deutlich erhöht. Nach dem Herunterfahren der Kraftwerke Mitte März seien etwa 4000 Megawatt weniger exportiert und zusätzlich etwa 2000 Megawatt aus Tschechien und Frankreich importiert worden, ermittelte das Institut. Greenpeace machte darauf aufmerksam, dass der Strommarkt den Import und Export bestimme – weil die Händler immer an der günstigsten Quelle einkaufen.

Damit verbunden war auch die Furcht vor einem Steigen des Strompreises. Nach Ansicht von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) droht den Verbrauchern bei einem schnellen Ausstieg nur ein moderater Aufschlag. Der Preis für eine Kilowattstunde Strom werde sich in den nächsten Jahrzehnten bei Umsetzung der Ausstiegspläne nur um 0,1 bis 0,9 Cent erhöhen, sagte Röttgen nach Informationen der Passauer Neuen Presse vor Unions-Abgeordneten.

Die Kosten der Energiewende werden auch ein zentrales Thema beim Spitzentreffen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Freitag mit den Ministerpräsidenten der Länder sein.