Nach Fukushima beschleunigt sich die Energiewende in Deutschland in atemberaubendem Tempo. Parteienübergreifend ist nun das Ziel formuliert, den Umstieg auf die erneuerbaren Energien so schnell wie möglich einzuleiten. Deutschland könnte das erste große Industrieland in der Welt sein, das ernsthaft den Aufbau eines klimaverträglichen Energiesystems angeht. Bis 2050 könnte die Energieversorgung emissionsfrei sein. Diese Wende ist keine Kleinigkeit. Sie könnte für die Fortentwicklung der Weltwirtschaft so bedeutsam werden, wie einst die Verbreitung der Dampfmaschinen, die der industriellen Revolution zum Durchbruch verhalf, oder die Einführung der Fließbandfertigung durch den Autohersteller Ford in den USA vor ziemlich genau 100 Jahren, die das Zeitalter der Massenproduktion einläutete. Denn die Umstellung auf erneuerbare Energieträger ist der Einstieg in ein neues Industriesystem, das vor allem auf radikale Effizienzsteigerung setzen muss.

Elektrofahrzeuge und neue Mobilitätssysteme werden die Städte verändern. Gebäude, die heute für einen großen Teil der Energienachfrage stehen, werden künftig Plus-Energiehäuser und damit Bestandteile eines dezentralen Kraftwerkparks sein. Neue intelligente System- und Steuerungstechniken werden die erneuerbaren Energiequellen aus ganz Europa und möglichst auch Nordafrika sowie die Endabnehmer vernetzen. Dieser Umbruch kann nur auf Grundlage technologischer und sozialer Innovation, Kreativität und Weitsichtigkeit gelingen: Ingenieure, Architekten, Städteplaner, Kommunen, Unternehmensvorstände, Forschungseinrichtungen und Konsumenten sind gefordert. Es gibt derzeit nur einen anderen Ort auf der Welt, an dem in ähnlich signifikanten Größenordnungen in erneuerbare Energielösungen investiert wird: China. 

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat Anfang April ein Gutachten an die Bundesminister Schavan und Röttgen übergeben, das darstellt, wie eine große Transformation zur klimaverträglichen Weltwirtschaft stattfinden kann. Deutschland könnte ein wichtiger Dominostein in diesem Umbruch sein. Der WBGU beschreibt den Ausstieg aus dem fossil-nuklearen Industriesystem als wirtschaftlich notwendig, aber auch normativ geboten. Weil das kohlenstoffbasierte Weltwirtschaftsmodell die Stabilität des Klimasystems und damit die Existenzgrundlagen künftiger Generationen gefährdet, ist die Transformation zur Klimaverträglichkeit moralisch ebenso angezeigt wie die Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Kinderarbeit.

Wirtschaftlich notwendig ist der Umstieg in eine nicht-fossilbasierte und ressourceneffiziente Weltwirtschaft, weil die Fortsetzung des etablierten Wachstumsmusters in einer Welt mit bald neun Milliarden Menschen, rasanter Urbanisierung, wohlhabender werdenden Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern im Verlauf dieses Jahrhunderts ohne Zweifel an die Grenzen des Erdsystems führt. Die Option "Weiter so" stellt eine Realitätsverweigerung dar, die absehbar in die Sachgasse führt. Die Argumentation, das etablierte Energiesystem sei kostengünstig, der Umstieg auf Erneuerbare zu teuer, ist geradezu absurd, wenn berücksichtigt wird, dass der fossile Wachstumspfad geradewegs in die Klimakrise führt – mit irreversiblen Schäden und unkalkulierbaren Folgekosten für zukünftige Generationen.

Ein Paradoxon ist, dass das Wissen um diese Problemkonstellation weitgehend akzeptiert ist. Doch reagiert wird bisher viel zu langsam – denn die Klimakrisen treten erst in der Zukunft auf, die Schäden sollen also unsere Kinder und Enkel tragen. Es ist ein Jammer – noch scheinen unsere Gesellschaften erst dann umsteuern zu können, wenn manifeste Krisen dazu zwingen. Der Kollaps der Finanzmärkte und die Atomkatastrophe von Fukushima sind dafür jüngste Beispiele.