ZEIT ONLINE: Herr Dreher, wie hat Dominique Strauss-Kahn den IWF in den vergangenen Jahren verändert?

Axel Dreher: Ich würde die Veränderungen innerhalb der Organisation weniger auf Strauss-Kahn zurückführen. Weit wichtiger war das Hereinbrechen der Wirtschaftskrise. Als Strauss-Kahn an die Spitze rückte, war die Organisation weitgehend abgemeldet. Seit den siebziger Jahren hatte kein Industrieland mehr einen Hilfskredit beantragt. Deshalb hatte der Fonds bis zum Ausbruch der Krise sein Augenmerk eher auf die Entwicklungsländer gerichtet.

ZEIT ONLINE: Wie kam es zu diesem Prozess?

Dreher: Selbst die ärmeren Länder wollten kaum noch Kredite vom IWF. Die Institution war in Verruf geraten, vor allem durch die Bedingungen, die der Fonds im Gegenzug an die Länder stellte. Sie galten als neoliberal, und viele hielten sie für unangepasst an die lokalen Begebenheiten. Vor Ausbruch der Krise wurde beim IWF über Personalabbau gesprochen. Keiner wusste so richtig, wo es hingegen soll.

ZEIT ONLINE: Dann kam die Finanzkrise.

Dreher: Ja, plötzlich war der IWF wieder da. In dieser Situation hat Dominique Strauss-Kahn mit seinem politischen Gewicht vielleicht zu einem Bedeutungszuwachs beigetragen. Dennoch war seine Position nie so stark, dass er die Organisation auf einen bestimmten Kurs hätte bringen können. Die bestimmende Macht im Währungsfonds ist die USA. Keine strategische Entscheidung wird ohne die Amerikaner getroffen. Ich glaube nicht, dass sich ein anderer geschäftsführender Direktor in der europäischen Schuldenkrise anders verhalten hätte.

ZEIT ONLINE: Auch während der europäischen Schuldenkrise gab es Kritik am IWF. Manche fragten sich, warum der Fonds, der bislang nur armen Ländern geholfen hatte, plötzlich eine reiche Region wie Europa unterstützen soll.

Dreher: Im Grunde hatte das Engagement in der europäischen Schuldenkrise nichts mit der originären Aufgabe des Fonds zu tun. Es handelte sich um keine Zahlungsbilanzkrise, für die der IWF einst ins Leben gerufen wurde. Das war ja die Idee des IWF: Er sollte Ländern mit einer Krise in der Zahlungsbilanz helfen, weiterhin an Devisen zu gelangen, um die Importe stabil zu halten. Mit dem Wegfall des Systems fester Wechselkurse fiel die eigentliche Aufgabe des IWF weg. Deshalb sucht man sich seit den siebziger Jahren immer neue Aufgaben.