Die Deutschen fürchten um ihren Wohlstand. Jeder kann es zu etwas bringen, so lautete das Versprechen der alten Bundesrepublik. Wer sich nur anstrengt und hart arbeitet, bekommt einen Arbeitsplatz mit ordentlichem Einkommen, das die Familie ernährt oder ein Auto und den jährlichen Urlaub finanziert. Auch Arbeiter konnten sich ein Mittelschichtsleben leisten. Die gut ausgebildeten Facharbeiter waren das Rückgrat der Industriegesellschaft. Sie verdienten gut.

Dann kamen die Ölkrise, die Wiedervereinigung und die rasend schnell zunehmende Globalisierung , und die alten Gewissheiten lösten sich auf. Die Einkommensschere öffnete sich. Spätestens seit das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor drei Jahren eine Studie über die schrumpfende Mittelschicht veröffentlichte, heißt es, die Krise sei im Zentrum unserer Gesellschaft angekommen.

Doch stimmt das wirklich? 

Fest steht: Die Angst um den Arbeitsplatz wächst, und sie bedrückt weite Teile der arbeitenden Bevölkerung – ganz egal, ob Unter-, Mittel- oder Oberschicht. Das fanden die Soziologen Holger Lengfeld und Jochen Hirschle heraus , als sie Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) auswerteten (Grafik 1) .

Für Lengfeld und Hirschle entscheidet der Bildungsstand eines Menschen darüber, zu welcher Schicht er gehört. Wenig überraschend, dass Akademiker sich die geringsten Sorgen um ihre Zukunft machen. Doch Lengfeld und Hirschle fanden auch heraus, dass die Furcht der Facharbeiter vor der Arbeitslosigkeit größer ist als die der ungelernten Arbeiter. Die Angst nahm unter den gut ausgebildeten Angestellten weit stärker zu als unter anderen Gruppen. Im Zentrum der Gesellschaft wächst die Furcht.

Lengfeld vermutet hierfür mehrere Gründe: die wachsende Zahl von befristeten Verträgen beispielsweise. Oder strukturelle Krisen in Branchen, in denen viele gut qualifizierte Angestellte tätig seien, wie etwa im Gesundheitswesen oder der Finanzbranche. Das könne die wachsende Angst aber nicht komplett erklären. "Möglicherweise beobachtet die Mitte, dass es die unteren Schichten auf dem Arbeitsmarkt immer schwerer haben, und fürchtet, es könnte bald auch sie treffen", sagt er.

Nachvollziehbar ist die Sorge dennoch. "Die mittlere Mittelschicht hat relativ viel zu verlieren", sagt der Forscher. "Ihr Wohlstand hängt an jedem einzelnen Einkommen, sie ist durch ihre Ausbildung nicht gefeit vor Veränderungen am Arbeitsmarkt, und sie findet nicht so schnell wieder einen Job wie Akademiker. Die untere Schicht hingegen musste schon immer mit Entlassungen rechnen. Das ist für sie Normalität."

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beobachtet seit Jahren, dass die Mittelschicht in Deutschland schrumpft. Als Maßstab nutzen die Ökonomen nicht den Beruf eines Menschen, sondern sein Gehalt. Mittelschicht ist, wer zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens verdient. Das entsprach im Jahr 2005 für Singles einem Monatsgehalt von 860 bis 1844 Euro netto.

"Im Jahr 2009 schien sich der Trend gewendet zu haben", sagt DIW-Forscher Jan Goebel. Er hat im vergangenen Herbst die wachsende Polarisierung der Einkommen in einer Studie beschrieben . Der Anteil der armen Haushalte an der Bevölkerung nehme stetig zu, schrieb er damals. Auch die Zahl der Reichen sei gestiegen, bis die Finanzkrise die Entwicklung scheinbar stoppte.