Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihre Bereitschaft signalisiert, die Kandidatur des italienischen Notenbankpräsidenten für den Chefposten der Europäischen Zentralbank (EZB) zu unterstützen. "Ich kenne Mario Draghi. Er ist eine sehr interessante und erfahrene Persönlichkeit. Er steht unseren Vorstellungen von Stabilitätskultur und solidem Wirtschaften sehr nahe. Deutschland könnte eine Kandidatur von ihm für das Amt des EZB-Präsidenten unterstützen", sagte die CDU-Vorsitzende der ZEIT.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters haben Merkel und Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi am Dienstag ein Telefonat geführt und dabei alle anliegenden europäischen Themen erörtert. Damit dürfte es auch um die deutsche Haltung zu Draghi gegangen sein. Dem Vernehmen nach will Italien nun bereits am kommenden Montag beim nächsten Treffen der Euro-Finanzminister in Brüssel Draghi offiziell vorschlagen.

Damit kristallisiert sich sieben Wochen vor dem EU-Gipfel am 24. Juni in Brüssel – dort soll die Entscheidung über die wichtigste Personalie in der Euro-Zone getroffen werden – eine Einigung heraus. Als Vorentscheidung galt das Votum aus Paris. Denn so wie sein Heimatland Italien hatte sich auch Frankreich offiziell hinter Draghi gestellt, der im Herbst Amtsinhaber Jean-Claude Trichet ablösen soll. Auch Spanien und Luxemburg hatte ihre Sympathie signalisiert.

Deutschland dagegen hatte sich lange offiziell zurückgehalten – unter anderem, weil es als schwierig zu vermitteln galt, einen Kandidaten aus einem hoch verschuldeten südeuropäischen Land an die Spitze der Institution zu befördern, die über den Euro wacht.

Ursprünglich galt auch Bundesbankpräsident Axel Weber als Bewerber um die Nachfolge des Franzosen Trichet, der im September aus dem Amt des obersten Währungshüters scheidet. Doch Weber kündigte im Februar seinen Rückzug aus dem Amt an und erteilte gleichzeitig einer Kandidatur für den EZB-Posten eine Absage.

Daraufhin gab es immer wieder Spekulationen und Berichte über die Haltung der Bundesregierung, die sich jedoch teils widersprachen. So hieß es Anfang April, dass Merkel keinen deutschen Kandidaten mehr ins Rennen schicken und stattdessen Draghi unterstützen wolle. Der Grund: Der Italiener sei noch der "deutscheste aller verbliebenen Kandidaten".

Eine Woche später wiederum wurde berichtet, dass sich die Kanzlerin noch nicht mit Draghi abgefunden habe. Stattdessen wolle sie ihn "wegloben" und als Nachfolger von Dominique Strauss-Kahn auf den Chefposten des Internationalen Währungsfonds (IWF) ins Gespräch bringen. Dieser, so hieß es, werde seinen Arbeitsplatz wohl vorzeitig räumen, um in seinem Heimatland Frankreich als Präsident zu kandidieren.

Am Ende versuchte dann die französische Regierung, den Partner in Berlin auf eine Position festzulegen. Finanzministerin Christine Lagarde nämlich offenbarte im französischen Rundfunk, dass ihr Amtskollege Wolfgang Schäuble sehr wohl für Draghi sei. Dieser, so habe es der Bundesfinanzminister formuliert, habe die "notwendigen Trümpfe, um ein guter EZB-Präsident zu sein". Sie hoffe, fügte Lagarde hinzu, dass sich Merkel noch vor dem EU-Gipfel äußern werde.

Der frühere Spitzenbeamte, Investmentbanker und Professor Draghi steht seit 2006 an der Spitze der Banca d'Italia. Nach der jüngsten Finanzkrise war der 63-Jährige von den G-20-Staaten mit der Reform des internationalen Finanzwesens beauftragt worden. Neben Draghi waren unter anderem auch der Chef der Zentralbank von Luxemburg, Yves Mersch, sein finnischer Kollege Erkki Liikanen und der deutsche Chef des Euro-Rettungsschirms EFSF, Klaus Regling, genannt worden. Ihnen wurden aber allenfalls Außenseiterchancen eingeräumt.