DIE ZEIT: Herr Soiron, wie war die Bilderberg-Konferenz in St. Moritz, an der einige der einflussreichsten Menschen der Welt teilgenommen haben?

Rolf Soiron: Ungemein intensiv und dicht. Und da die Regel »Die Gespräche gehen nicht nach draußen« gilt, waren die Debatten klar und offen.

ZEIT: Sie sind Verwaltungsratspräsident von Holcim und Lonza, Vorstandsmitglied von Economiesuisse, Stiftungsratspräsident von Avenir Suisse und Mitglied des Rates des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Das macht Sie zu einem der mächtigsten Wirtschaftführer der Schweiz.

Soiron: Mächtig? Ich bleibe lieber auf dem Teppich.

ZEIT: Auf der Teppichetage, ja. Sie haben eine bürgerliche Karriere hinter sich. Sie waren CVP-Großrat in Basel, sie hatten wichtige Stellungen bei Sandoz und anderswo inne. Sie haben sich aber auch immer wieder gesellschaftspolitisch eingemischt, Sie engagieren sich heute sozial. Kurz: Sie waren nie nur ein Manager. Heute sind Sie 66 Jahre alt. Denken Sie manchmal, Sie gehörten einer aussterbenden Gattung an?

Soiron: Vielleicht erfährt die Verschränkung von Verantwortungen für Gemeinwohl und Wirtschaftliches ja gelegentlich eine Renaissance. Ich meine jedenfalls, das Schweizer Wirtschaftsestablishment beginnt sich zu erneuern, und teilweise durchaus erfreulich.

ZEIT: Aber das sind erst zarte Pflänzchen. Die Schweizer Wirtschaft hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Soiron: Ja, derzeit gibt es oft Distanz und Gräben zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Das hat Gründe. Die Selektion unter den Nachwuchskräften ist hart, Professionalisierung und Verfügbarkeit sind gefragt – da bleibt kaum Zeit für anderes. Die Führungsetagen haben sich globalisiert, auch bei uns. Ich erinnere mich, wie das bei Sandoz vor 40 Jahren war: Der einzige Ausländer im Verwaltungsrat war geradezu ein Exot. In der Konzernleitung war das nicht anders. Heute gibt es Firmen, da ist das bald umgekehrt. Aber diese internationalen Kader stehen für nationale oder lokale Verantwortungen naturgemäß wenig zur Verfügung. Damit ist diese früher typisch schweizerische Verschränkung von wirtschaftlichen und öffentlichen Aufgaben wie Kultur, Politik, Soziales und Militär Geschichte geworden.

ZEIT: Man nannte das aber auch Filz. Müssen wir wieder zu ihm zurückfinden?

Soiron: Ich nenne es Verflechtung und glaube, es war – bei allen Risiken – eine Stärke. Denn sie machte vieles, was geschah, sozusagen konzentrisch. Weil heute so viel gegeneinanderläuft, wäre eine Belebung dieser Konzentrizität eine strategische Verstärkung des »Organismus Schweiz«. Gewiss: Bis zur Entscheidungsfindung sollen Debatte, Auseinandersetzung, Streit die Regel sein. Ist aber der Entscheid gefallen, dann ist das der Strick, an dem alle ziehen sollen, gemeinsam.

ZEIT: Das Gegenteil geschieht. Wir haben eine Politik, die ihre Entscheide ständig widerruft oder infrage stellt. Die SVP stellt gerade einen Volksentscheid mit einer Volksinitiative gegen die Personenfreizügigkeit infrage. Warum geht die Schweizer Wirtschaft nicht konzertierter gegen eine solche Partei vor?

Soiron: Eben haben 150 Wirtschaftsführer einen Aufruf gegen diese Initiative und die Tendenz dahinter unterschrieben. Das ist deutlich, oder?

ZEIT: Das dauerte aber lang.

Soiron: Zugegeben. Aber auch Wirtschaftschefs sind normale Menschen, auch sie können peer pressure unterliegen, auch sie können vom Erfolg beeinflusst sein. Die SVP verkörperte, was gerade auch Wirtschaftschefs gerne haben: das »Senkrechte und Gerade«. Doch einige beginnen zu sehen, dass nicht nur die SVP, sondern auch intelligente Köpfe wie Roger Köppel oder Markus Somm sich vieles halt doch allzu einfach machen. Überdies hat man gesehen, wie die SVP in verschiedenen Fragen der Wirtschaft recht eigentlich schadet, sei es aus taktischen Allianzüberlegungen im Parlament, sei es wegen Denkmustern, die ihr eigen sind.

ZEIT: Wie beschreiben Sie diese Denkmuster?

Soiron: Das eine ist die Intransigenz, der Widerstand gegen Kompromisse. Dazu gehört der Widerwillen der SVP gegen Differenzierungen. Dieses »Es ist alles einfacher, als ihr denkt, ihr müsst nur darauf beharren!« ist eine Versuchung für viele Menschen, im bürgerlichen und im linken Lager. Ein solches Denkmuster ist, immer wieder die Einwanderung zur Wurzel allen Übels zu machen.Allerdings glaube ich, dass damit unserem Land etwas verloren geht, was immer noch konstituierend ist oder es sein sollte: die dauernde Suche nach Schnittmengen, die den Lagern gemeinsam sind und darum breite Akzeptanz finden können.

"Ich sehe keinen im Gefolge, der Blochers Marschallstab übernehmen könnte"

ZEIT: Wie konnte es passieren, dass sich dieses vereinfachte Denken wie ein Krebsgeschwür in bürgerliche Kreise hineingefressen hat?

Soiron: Ich weiß es nicht. Aber nichts dauert ewig. Spätestens wenn die Generation abtritt, die jetzt am SVP-Ruder ist, mag es zum Abebben der Welle kommen. Ich sehe jedenfalls keinen im Gefolge, der Blochers Marschallstab übernehmen könnte.

ZEIT: Hat es Sie überrascht, dass der Bundesrat und jetzt auch der Nationalrat mittelfristig aus der Atomkraft aussteigen wollen ?

Soiron: Die Radikalität hat mich schon überrascht. In meinen Augen fehlen Fakten, Sachkenntnis, Um- und Voraussicht. Das große Thema ist nicht der Ersatz von 25 Terawattstunden Strom aus den KKWs, sondern die Strategie zur Deckung unseres wachsenden Gesamtenergiebedarfs, der jetzt schon weit mehr als 200 Terawattstunden beträgt. So etwa 180 davon stammen aus fossilen Energieträgern. Davon, von ihrem Ausstoß, ihrer Herkunft und Verfügbarkeit redet niemand. Übrigens redet derzeit auch niemand davon, was wir mit den aufgehäuften Tonnen von verstrahltem Abfall der KKWs machen sollen. Die dürfen wir nicht einfach vergraben, sondern wir sollten für Technologien offen bleiben, die sie wieder abarbeiten können. Lassen Sie mich klarstellen: Auch ich bin gegen den Neubau neuer Leichtwasserreaktoren. Aber man darf nicht eine ganze Technologie für immer verbieten.

ZEIT: Ist dieser Ausstiegsentscheid ein Betriebsunfall?

Soiron: Der Wahlkampf ist permanent und steht unmittelbar vor der Tür. Da wollen einige Bundesrätinnen und -räte den Volkszorn nicht provozieren. Das kann man nicht ändern. Allerdings ist das nicht der endgültige Entscheid: Der liegt erst vor, wenn Parlament und Volk das Gesetz abgesegnet haben. Das dauert noch ein, zwei Jahre. Wir sollten sagen: »Wir bauen zunächst kein AKW mehr, ganz sicher keines der heutigen Technik. Dafür machen wir aktiv an Forschung und Entwicklung der vierten Generation mit. Vor allem aber arbeiten wir an einem Gesamtenergiekonzept, das gesellschafts- und umweltverträglich ist, wirtschaftlich und realistisch und das uns verschiedene Optionen eröffnet.«

ZEIT: Wäre es früher möglich gewesen, dass ein solcher Entscheid gegen die Interessen der Wirtschaft gefällt wird?

Soiron: Kurzschlüsse gab und gibt es immer. So hat der Bundesrat im Mai 1992 vor der EWR-Abstimmung völlig überraschend ein EU-Beitrittsgesuch angekündigt – und damit die EWR-Niederlage herbeigeführt. Die meisten anderen Entscheide des Bundesrates sind zum Glück nicht so.

ZEIT: Aber er ist ein Indiz, dass die Wirtschaft den Kontakt zur Politik verloren hat.

Soiron: Es gibt schon Fälle, wo das vorkommt. Ich habe vor Fukushima zu Mitgliedern des Bundesrates, Parlamentariern und innerhalb Economiesuisse gesagt: »Wir müssen die Leichtwasser-Technologie beenden, sie produziert neuen Abfall, das ist unverantwortlich – und mit dieser Technologie bekommen wir nie eine Mehrheit im Volk. Gerade wenn wir sichere und ökonomische Kern-Optionen fürs nächste Jahrzehnt offenhalten wollen, müssen wir uns von dieser Technologie verabschieden.« Das wollte niemand hören.

ZEIT: Wechseln wir das Thema. Ist die Realwirtschaft eine Geisel der Finanzmärkte?

Soiron: Wenn man sieht, wie wir unter der Finanzkrise gelitten haben, könnte man das glauben. Aber die Realwirtschaft ist schon anders. Eine Firma wie Holcim wird nie Star-Renditen bieten können, wie es Finanzoperationen immer wieder tun. Aber es gibt eben auch Investoren, die das suchen, was wir bieten können: solide Renditen in einem mittleren einstelligen Bereich, dazu noch anständige Bardividenden. Solche Investoren bilden ein eigentliches Kernaktionariat, quasi eine Verteidigung gegen kurzfristige »Renditenbolzer«. Mit einem Kernaktionär wie Thomas Schmidheiny, seinen langfristigen Perspektiven und seinen fast 20 Prozent sind wir diesbezüglich bei Holcim privilegiert und können das Auf und Ab der Quartalsberichterstattung gelassener nehmen. Dennoch: Die Baumärkte in der westlichen Welt, die Energiepreise und das politische Umfeld Europas machen es derzeit schwer, wieder wirklich gut in Fahrt zu kommen. Darauf müssen wir Antwort finden, auch wenn unsere Perspektiven längerfristig sind.

ZEIT: Wie kann die Welt den exponentiellen Anstieg der Geldmenge ertragen?

Soiron: Korrekturen kommen, sei es via Inflation, Steuern, reprofiling der Schulden verschiedenster Art – oder es kommt zu kleinen oder größeren Einschnitten, Mini- oder Medi-Crashs.

ZEIT: Und wie kann die Welt die Schuldenlast einzelner Staaten ertragen?

Soiron: Die Schweiz wird ja bezüglich ihrer Schuldenbremse im Ausland immer öfter bewundernd zitiert. Die großen Schuldnerländer müssen Strategien finden, welche Wachstumsimpulse mit glaubhaften, zeitlich gut und realistisch gestaffeltem Schuldenabbau verbinden. Das gilt insbesondere für die USA . Dazu gehört eine gehörige Portion politischer Ehrlichkeit, nicht nur auf dem Niveau der Exekutiven, sondern mehr noch der Parlamente. Auch wenn das Wahlkämpfe schwerer macht.

ZEIT: Die Wirtschaft braucht mehr Frauen im Arbeitsleben, da sind sich alle einig. Bei Holcim gibt es keine Frau im oberen Management und nur eine Frau im Verwaltungsrat. Haben Sie versagt?

Soiron: Dass es große Anstrengungen braucht, mehr Frauen ganz nach oben zu bringen, habe auch ich spät eingesehen, vielleicht zu spät. Wenn wir es nicht von uns aus tun, werden wir dazu gezwungen.

ZEIT: Das heißt?

Soiron: Für die Verwaltungsräte müssen wir viel aktiver nach Kandidatinnen suchen. Das wird helfen. Für die Geschäftsleitung ist das schwerer. Die speziellen beruflichen Erfahrungen, die es etwa für eine Konzernleitungsposition bei Holcim braucht, haben nicht viele Frauen. Im Biotech-Bereich der Lonza ist es etwas besser. Da haben wir über zehn Prozent Frauen auf den oberen Stufen. Das ist nicht befriedigend und erst ein Anfang. Aber es wird dauern!

ZEIT: Sie haben mal einen Satz gesagt, der Ihr Leben zusammenfasst: »Mir ist Verantwortung wichtiger als Spaß.«

Soiron: Das habe ich gesagt?

ZEIT: Ja, in der Basler Zeitung, Ende 2008.

Soiron: Heute würde ich eher sagen: »Verantwortung ist Spaß.« Als ich sechs Jahre war, stand ich bei der Basler Bundesbeitrittsfeier am Straßenrand, und mein Vater sagte: »Jetzt kommt der Bundesrat.« Ich habe dieses Bild nie vergessen, vor allem den Respekt der Bevölkerung, den man damals spürte. Eine andere Erinnerung sind die Nachmittage, die ich als Junge auf der Tribüne des Basler Großratssaals verbrachte. Solche Bilder der Verantwortung haben mich dann weiter beeindruckt, als ich die Geschichte der Stadtrepubliken Basel, Venedig, Florenz studierte. Bilder der Kombination von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik haben mich eigentlich immer begleitet und fasziniert. War es vielleicht, weil meine Eltern 1946 aus den belgischen Ardennen eingewandert sind und wir also »nicht dazugehörten«? Und ich aber eben doch »dazugehören« wollte?

ZEIT: Sie haben immer viel gearbeitet. Sie waren nicht oft zu Hause. War das ein guter Lebensentwurf?

Soiron: Die Arbeit schien mir selten hart.

ZEIT: Ihre Frau hat nie gesagt: »Verdammt, jetzt bleib mal zu Hause bei Frau und Kindern!«

Soiron: Nicht so krass, aber im Ansatz schon. Aber das gehört dazu.

ZEIT: Würden Sie es genau gleich machen, wenn Sie nochmals anfangen könnten?

Soiron: Nicht alles. Ich würde seriöser studieren. Und nach dem Phil-I-Studium würde ein Ingenieurstudium folgen. Da lernt man Genauigkeit, Faktentreue, Zuverlässigkeit.

ZEIT: Ihre Frau hat immer gearbeitet?

Soiron: Ja, außer als die Kinder noch klein waren. Sie war halbtags – manchmal auch mehr – in der Führung eines Architekturbüros eingebunden. Das war hart, denn Dienst- oder Kindermädchen konnten wir uns nicht leisten, und meine Mithilfe war bescheiden.

ZEIT: Hat sich Ihr Leben gelohnt?

Soiron: Wenn ich meine sechs Enkel sehe, die fast jeden Samstag bei uns sind, und ihr Vertrauen spüre, dann sage ich: Ja, das Leben lohnt sich. Der Lohn liegt für mich am allermeisten in diesem zwischenmenschlichen Bereich.

ZEIT: Wussten Sie das immer?

Soiron: Nein. Das wuchs in den letzten 10 bis 15 Jahren. Wirklich gespürt habe ich das 2005. Irgendwo in Frankreich auf dem Weg nach Santiago bekam ich plötzlich Heimweh nach der Familie. So etwas hatte ich vorher nicht gekannt.

ZEIT: Wie wollen Sie sterben?

Soiron: Gelassen und in Frieden. Das wäre ein ganz großes Glück. Aber das muss ja nicht morgen sein.