Auch wo "Paradigmenwechsel" draufsteht, ist nicht immer einer drin. Der Modebegriff wird gern von politischen Schaumschlägern verwendet. Der j üngste Bericht der Welternährungsorganisation (FAO) in Rom aber könnte tatsächlich den Beginn eines grundlegenden Wandels der globalen Agrarpolitik markieren. Der Titel "Save and Grow" (Sparen und Wachsen) beschreibt, wie eine Lösung für die Herkulesaufgabe aussehen könnte, die in den kommenden Jahren ansteht: Mehr Nahrung und Energiepflanzen für mehr Menschen anzubauen, dabei aber die natürlichen Ökosysteme deutlich weniger in Anspruch zu nehmen und ihre Kräfte sogar zu erneuern.

In den vergangenen Jahren hatte die FAO auf diese Herausforderung vor allem eine Antwort: eine Neuauflage der grünen Revolution der Sechziger Jahre. Die Rezepte waren altbekannt. Investitionen sollten vor allem in Bewässerung und Dünger, Pflanzenschutzmittel und neues Saatgut fließen. Nun aber schildern die Experten in ihrem neuen Report nicht nur die Erfolge dieser Strategie – eindrucksvoll gestiegene Erträge seit den Sechziger Jahren –, sondern auch ihre katastrophalen Folgen. Nicht nur seien die Biodiversität und Fruchtbarkeit weltweit dramatisch zurückgegangen. Viele Böden seien auch übernutzt, versalzen und vergiftet. Business as usual funktioniere an vielen Orten der Erde nicht mehr, die Ernten sinken. Darunter litten vor allem Kleinbauern, die auf sichere Erträge am meisten angewiesen seien.

Derart geschwächt, müsse die Landwirtschaft zudem einem "aufziehenden Sturm" mit vielfältigen Turbulenzen trotzen. Das Bevölkerungswachstum, der weltweite Ausgriff der Städte und wachsende Hunger auf Fleisch, zugleich die zunehmenden Wetterschwankungen als Folge des Klimawandels und steigender Energiekosten übten einen massiven Druck auf die Agrarflächen aus. So nüchtern wie unmissverständlich heißt es: "Das geltende Paradigma kann die Herausforderungen des kommenden Jahrtausends nicht bewältigen". Mehr mit weniger: das könne nur mit einem neuen Ökosystem-Ansatz erreicht werden. Viehzucht und Ackerbau, Landwirtschaft und Wald sollen wieder zusammengedacht werden und sich – im Wortsinn – gegenseitig befruchten.

Im Mittelpunkt der nun propagierten nachhaltigen Intensivierung der Pflanzenzucht (Sustainable Crop Production Intensification) stehen ein intelligenter und sparsamer Umgang mit Wasser und die Wiederherstellung einer reichen Biodiversität. Vor allem der vernachlässigte Boden müsse regeneriert und gepflegt werden. Wo dieses "komplexeste lebende System" gesund sei, da könne es das Wasser besser speichern, die Fruchtbarkeit werde natürlich erhöht. Es gebe nur selten Schädlinge "über ein akzeptales Maß hinaus", lokal angepasste Pflanzenzüchtungen, die es zu fördern gelte, blieben widerstandsfähig. Nur noch in Einzelfällen sollten Kunstdünger und Agrarchemikalien eingesetzt werden, sparsam dosiert.

Zurück zu den Wurzeln: dafür soll "Save and Grow" kein Einheitsschema anbieten, sondern einen umfangreichen "Werkzeugkasten", dessen einzelne Methoden den regionalen Bedingungen angepasst werden müssen. Der Bericht verweist (übrigens ähnlich wie vor Kurzem der Sonderbeauftragte für das Menschenrecht auf Nahrung, Olivier de Schutter ) auf vielfältige Erfolge mit intelligenten Anbausystemen, in denen es gelungen sei, die Erträge in Entwicklungsländern um 70 bis 80 Prozent zu steigern. Er betont die wichtige Rolle der Regierungen, ob bei einer Neuorientierung der Agrarforschung oder der Ausrüstung und Ausbildung der Bauern. Deren Wissen gelte es, viel stärker als bisher einzubeziehen.

Der neue Denkanstoß der FAO wirkt wie der Versuch, die zerstrittenen Fraktionen der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft zu einer Synthese zu bringen. Offensichtlich sind dabei viele Erkenntnisse des Weltagrarberichtes von 2008 eingeflossen, der lange auf reichlich Skepsis stieß. Vielleicht wollte der FAO-Präsident Jaques Diouf mit "Save and Grow" noch einmal ein großes Ausrufezeichen an das Ende seiner Amtszeit setzen; Ende Juni soll sein Nachfolger gewählt werden. Den Regierungen der G20 jedenfalls ist der Bericht zur Lektüre zu empfehlen, ehe sie in der kommenden Woche zu ihrem Agrargipfel zusammenkommen.