Im Athener Parlament beraten die Abgeordneten über das neue Sparprogramm, von dem abhängt, ob Griechenland weitere Hilfskredite bekommt oder pleitegeht. Aber davon bekommt Judith Kraemer nichts mit. Sie sitzt im Hafen von Piräus auf ihrem Koffer. Ab und zu spendet eine vorbeiziehende Wolke etwas Schatten. Eigentlich wollte die 24-jährige Deutsche mit ihrer Freundin längst auf dem Weg zur Kykladeninsel Naxos sein. Aber Mitglieder des kommunistischen Gewerkschaftsbundes Pame halten seit den frühen Morgenstunden die Rampen der Fährschiffe besetzt, die Piräus mit den Ägäisinseln verbinden. "Die Völker der Welt haben die Macht, und sie kapitulieren nie" steht auf einem der Transparente der Kommunisten. Judith Kraemer schüttelt verständnislos den Kopf: "Warum müssen die Touristen darunter leiden?"

Während die 300 Abgeordneten des Athener Parlaments über das neue Sparprogramm beraten, lassen die griechischen Gewerkschaften die Muskeln spielen. Sie haben zu einem zweitägigen landesweiten Streik aufgerufen. Nicht nur die Fähren bleiben in den Häfen, auch die meisten öffentlichen Verkehrsmittel in Athen stehen still. Im öffentlichen Dienst ruht die Arbeit. In den meisten Krankenhäusern gibt es nur einen Notdienst. Weil sich auch die Fluglotsen an dem Streik beteiligen, musste der griechische Luftraum für mehrere Stunden gesperrt werden. Hunderte Flüge fielen aus oder wurden verlegt.

Chaosszenen spielten sich unterdessen auf dem Athener Syntagma-Platz ab. Vermummte Jugendliche aus der Anarchistenszene begannen in der Umgebung des Platzes, mit Vorschlaghämmern Schaufensterscheiben zu zerstören, Müllcontainer in Brand zu stecken und die Sonnenschirme der Straßencafes abzufackeln. Die Polizei setzte Tränengasgranaten gegen die Randalierer ein. Die antworteten mit Steinwürfen und Molotowcocktails. Wie schon öfter während der vergangenen Wochen, glich das Athener Stadtzentrum einem Schlachtfeld.

Begonnen hatte es friedlich. Bereits am Vormittag hatten sich etwa 10.000 Demonstranten auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlamentsgebäude versammelt. Dort sollen die Abgeordneten am Mittwoch über das neue Konsolidierungsprogramm der sozialistischen Regierung abstimmen. Es sieht für die Jahre bis 2015 weitere Ausgabenkürzungen, massive Steuererhöhungen und Privatisierungen von Staatsbetrieben vor. Von der Abstimmung hängt viel ab, nicht nur für Griechenland: Nur wenn das Parlament der Sparplan billigt, wollen die Euro-Staaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) weitere Hilfskredite nach Athen überweisen. Fällt das Sparprogramm im Parlament durch, versiegen die Gelder. Dann droht Griechenland binnen weniger Wochen die Staatspleite. Welche Folgen das für andere Schuldenstaaten wie Portugal, Irland und Italien hätte und was es für die Stabilität der Euro-Zone bedeuten würde, möchte man sich lieber nicht ausmalen.