ZEIT ONLINE: Frau Sayeed, vor etwa elf Monaten verwüstete ein Hochwasser große Teile Pakistans. Rund 20 Millionen Menschen mussten fliehen, Tausende Bauern verloren ihre Ernten. Wie bewerten Sie die Hilfe, die seither aus dem Ausland ins Land gekommen ist?

Azra Sayeed: Ich denke, dass die internationale Hilfe überwiegend gescheitert ist. Sie war bei weitem nicht so effektiv, wie sie hätte sein können.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Monaten sind Millionen ins Land geflossen.

Sayeed: Ja, aber die Hilfen, die über die Regierung kommen sollten, sind meist irgendwo unterwegs versickert. Und den Hilfsorganisationen ging es oft darum, die eigenen Interessen zu verfolgen oder den heimischen Märkten zu helfen.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Sayeed: Die Geschichten, die sich in Pakistan abspielten, waren denen in anderen Ländern nicht unähnlich. Es kamen viele Hilfsorganisationen ins Land. Aber nur wenige haben die Menschen wirklich gefragt, was sie benötigten. Eine amerikanische Hilfsorganisation hat stattdessen Weizensaat aus amerikanischer Produktion an die Bauern verteilt, damit sie ihre Felder bestellen können. Es liegt auf der Hand, warum.

ZEIT ONLINE: Womöglich weil der lokale Markt leer gekauft war. Das berichten zumindest die Organisationen.

Sayeed: Nein, es gibt genug Saatgut in Pakistan. Der Grund war ein anderer. Die Organisation hat Hybridsamen verteilt. Die Pflanzen, die aus diesem Saatgut entstehen, sind kurzfristig robuster. Langfristig aber leiden die Böden und es lässt sich kein neues Saatgut daraus gewinnen. Die Bauern werden abhängig vom Markt, und genau darum ging es: um Markterschließung für die westlichen Konzerne. Noch offensichtlicher war das im Fall der Sonnenblumen.

ZEIT ONLINE: Worum ging es da?

Sayeed: Die Amerikaner haben Samen für Sonnenblumen an die Farmer verteilt. Das Argument der Organisationen lautete: Diese Blumen werden euch schnell helfen, weil sie auf dem Markt hohe Preise erzielen. Was passierte, war das Gegenteil: Die Bauern gaben ihre herkömmliche Bepflanzung auf, und setzten auf eine Pflanze, die sie nicht kannten. Viele scheiterten.

ZEIT ONLINE: Wenn Sonnenblumen auf dem Markt einen guten Preis erzielen, mag das eine Hilfe sein.

Sayeed: Nein, wir reden über ein Grundproblem der internationalen Katastrophenhilfe. Sie ist fast immer fehlerhaft, weil sich hinter ihr auch ökonomische und politische Interessen verbergen.

ZEIT ONLINE: Wer macht ihrer Meinung nach den Profit?

Sayeed: Meist sind es die Unternehmen aus den Ländern, aus denen die Hilfe kommt. Agrochemiekonzerne wie Monsanto zum Beispiel. Sie profitieren davon, weil die Menschen das erste Mal mit ihren Produkten in Kontakt kommen. Ein weiteres Geschäft ist jenes der Mikrokredite. Diese Kredite mögen manchmal hilfreich sein, nicht aber für die ganz Armen.