Man nennt sie "Ni-Nis" , "Weder-Nochs". Gemeint sind Jugendliche, die weder eine Ausbildung haben, noch einen Job. Sie haben die Schule abgebrochen oder die Uni. Arbeit suchen sie nicht. Denn ihr Leben, so glauben sie, hat ohnehin keine Perspektive .

Mexiko ist für viele dieser Jugendlichen gleichbedeutend mit Armut, Ungleichheit und Gewalt. Weil sie nicht wissen, was aus ihrem Leben werden soll, lassen sie sich leicht locken – auch von der organisierten Kriminalität. Viele Fachleute sagen deshalb: Wer die organisierten Banden und Drogenkartelle bekämpfen will, muss die gesellschaftlichen Verhältnisse verbessern.

Straßenlaternen und Konfliktmediation

Im Bundesstaat Nuevo León, dessen Hauptstadt Monterrey ist, will man damit schon einmal anfangen. Die Regierung betreibt dort ein Projekt, das die Zivilgesellschaft in sozialen Brennpunkten  stärken soll. Die Helfer gehen dort gezielt in jene Viertel, in denen große Armut, niedriger Bildungsstand und viele Gewalttaten zusammenkommen. Das historische Zentrum Monterreys ist einer dieser Stadtteile. Zunächst geht es hier darum, eine verlässliche Wasserversorgung einzurichten, Straßenlaternen aufzustellen, Gehsteige und Sportplätze zu bauen. Die Menschen sollen sich sicherer fühlen. Und weil die Nachbarn mitarbeiten, so das Konzept, entsteht Identifikation.

Wichtig sei eben nicht nur der Einsatz von Sicherheitskräften, sagt ein Mitarbeiter des Projektes, der ungenannt bleiben möchte. "Die Gewalt, die in Mexiko herrscht, hat mehrere Gründe. Als organisierte Gruppen nach Nuevo León kamen, fanden sie den Boden schon bereitet, um sich einzunisten." Noch ist in Monterrey nicht viel von dem Projekt umgesetzt, die Behörden möchten sich offiziell nicht zu ihrem Vorhaben äußern. Aber das Konzept steht und wird in einer Pilotphase getestet.

In einem zweiten Schritt geht es dann um Bildung. Schüler und Lehrlinge sollen eine bessere Ausbildung bekommen und die Schulen besser ausgestattet werden. Aber die Helfer wollen auch Räume bieten, wo sich Nachbarn zu kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen treffen können. Und sie wollen die Leute in gesunder Lebensführung und Konfliktmediation schulen. Neben den Behörden sollen Unternehmer, Hochschulen, Kirchengemeinden und andere zivilgesellschaftliche Organisationen der Stadt mithelfen. Alle verfügbaren Kräfte bündeln, um gegen die Kartelle anzukommen, lautet die Idee. Erst, wenn alle diese Mühen nicht helfen, sollen die Sicherheitskräfte einschreiten.

Perspektivlosigkeit und Gewalt

Wie viele Ni-Nis es in Mexiko gibt, ist umstritten. Nur 285.000, beschwichtigt das regierungsamtliche Instituto Mexikano de la Juventud. Doch die Zahl ist zweifelhaft: Die Behörde rechnet zum Beispiel junge Frauen einfach nicht dazu, wenn sie zu Hause bleiben und im Haushalt helfen. Der Arbeitgeberverband Coparmex sagt, in Wahrheit seien acht Millionen junge Mexikaner ohne Perspektive . Das sei die zweithöchste Zahl der Welt. Amtliche Daten stützen diese These: Laut den neuesten verfügbaren Zahlen sagen 22,1 Prozent der etwa 34 Millionen Mexikaner zwischen zwölf und 29 Jahren, sie verfolgten weder eine Ausbildung, noch hätten sie eine Arbeit.

Und mit der Perspektivlosigkeit geht die Gewalt einher: Menschenrechtsorganisationen und die Interamerikanische Entwicklungsbank IADB beklagen ein hohes Niveau an Gewalt gegen Frauen und Kinder, auch innerhalb von Familien. Viele Taten werden von der Justiz nicht verfolgt. Häufig werden die gewalttätigen Verhaltensmuster von Generation zu Generation weitergegeben, sagen die Forscher der IADB. Die sozialen und ökonomischen Kosten seien hoch.