Der grüne Pionier aus dem Allgäu – Seite 1

Michael Lucke ist kein Freund der großen Worte. Wenn er Bekannten, Kunden oder Geschäftspartnern zeigen will, wie er sich die Energiezukunft vorstellt, lässt der Geschäftsführer des Allgäuer Überlandwerks (AÜW) in Kempten lieber Taten sprechen. Dann führt er seine Gäste ans linke Ufer der Iller – nur wenige Hundert Meter vom historischen Zentrum der 65.000-Einwohner-Stadt im Oberallgäu entfernt.

Hier hat der 42-jährige Energiemanager seinen ersten Markstein gesetzt: Das jahrzehntealte Laufwasserkraftwerk musste erneuert werden. Und die Modernisierung – das erkannte der Manager schon, kurz nachdem er 2004 den Chefposten des größten regionalen Energieversorgers im Allgäu übernahm – war eine Chance, Bürger und Kunden für den grünen Wandel zu begeistern – seine Chance.

Mitten im denkmalgeschützten Ensemble einer ehemaligen Weberei, Spinnerei und einer historischen Fachwerkbrücke ließ er daher ein architektonisch einmaliges Kraftwerk bauen: Silbrig schimmernd spiegelt sich das Wasser der Iller auf der hellen Betonoberfläche der kathedralengleichen Bögen wider, unter denen sich die Anlage verbirgt. Zwei mächtige Turbinen im hermetisch gekapselten Maschinenraum erzeugen mittels eines Generators Strom für 3.000 Vier-Personen-Haushalte: rund 10,5 Millionen Kilowattstunden im Jahr.

15 Millionen Euro hat Lucke in das mit Architekturpreisen ausgezeichnete Prestigeprojekt investiert. Viel mehr, als ein reiner Zweckbau gekostet hätte. Doch der würde nicht monatlich Tausende Besucher in die Stadt locken. Lucke wollte etwas schaffen, "das Emotionen für etwas so wenig Sinnliches wie Stromproduktion weckt", sagt er. Jeder soll sehen, dass der grüne Umbau nicht nur effizient und bezahlbar zu managen ist, sondern dass er auch ein Gewinn für alle sein kann – für Bürger, Industrie und Natur.

Lucke will mehr sein als ein Manager, der mit guten Zahlen glänzt. Er möchte etwas schaffen, was vor ihm noch niemand hinbekommen hat: Während die Politiker im gut 570 Kilometer entfernten Berlin seit Jahren streiten, wie eine grüne Energieversorgung funktionierten kann, hält er ein schlüssiges Konzept für den grünen Umbau parat.

Mehr als die Hälfte der Elektrizität will er bis Ende des Jahrzehnts aus regionalen, regenerativen Quellen beziehen. Das ist weit anspruchsvoller als das Ziel, das Berliner Energiepolitiker nach dem gerade beschlossenen Atomausstieg für erneuerbare Energien ausgegeben haben: Sie peilen 35 Prozent bis 2020 an. Die Allgäuer dagegen gewinnen schon heute 26 Prozent ihres Stroms aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse – elf Prozentpunkte mehr als der Bundesdurchschnitt.

Damit könnte das Allgäu zum Vorbild werden und zeigen, wie die Energiewende im Rest des Landes funktionieren kann. Auch weil niemand irgendwo sonst die grüne Stromversorgung in ihren vielen Facetten so intensiv erprobt wie Lucke hier. Kein Stromkonzern- und kein Stadtwerke-Chef treibt die Energiewende mit gleicher Entschiedenheit voran wie er.

50 Elektroautos zum Testen für Urlauber

Er selbst würde das zwar so explizit nie sagen. Eigenlob entspricht nicht seinem Naturell. Aber selbstbewusst genug, sich hohe Ziele zu setzen, ist er doch. Wenn Lucke über seine Pläne spricht, spürt man, dass sie ihm ans Herz gewachsen sind. Da redet kein nüchterner Technokrat, sondern ein Mensch, der Spaß am Ausprobieren und Verändern hat, der Dinge bewegen will – und der dem Rest des Landes an vielen Stellen vorauseilt:

  • Mit einer Flotte von mehr als 50 Elektroautos testet Lucke die Bereitschaft von Urlaubern und Einheimischen, auf alternative Mobilitätskonzepte umzusteigen;
  • Er hat Solarzellen, Biogasanlagen und Windräder zu einem virtuellen Großkraftwerk zusammengeschaltet, das die unbeständige Erzeugung der Erneuerbaren ausgleichen soll, um eine stabile Versorgung zu gewährleisten;
  • Er erprobt, wie flexibel Kunden mit ihrer Stromnachfrage auf Tarifsignale reagieren.

Wie sieht es bei einem Menschen, der die Energiewende dermaßen prägt, zu Hause aus? Geht er als grünes Vorbild voran? Lucke zögert mit der Antwort, die Frage bringt ihn in Verlegenheit. Doch nur kurz. Dann entscheidet er sich für die Offensive. Wie immer. Statt nach Ausflüchten zu suchen, räumt er ein, privat noch kein ökologischer Musterknabe zu sein. Ganz oben auf der Sündenliste steht sein Dienstwagen, ein Audi A6. "Immerhin eine sparsame Dieselvariante", sagt er. "Ich muss oft weite Strecken fahren. Mit einem Elektroauto käme ich zu oft nicht ans Ziel."

Daheim sieht seine grüne Energiebilanz besser aus: Er hat eine Wärmepumpe in sein hoch gedämmtes Haus eingebaut, die zum Heizen Umweltwärme nutzt. Als Nächstes, so hat er es mit seiner Frau besprochen, soll zudem ein Sonnenkollektor auf dem Dach warmes Wasser erzeugen.

Doch sein Ziel ist es nicht, den obersten Ökofreak zu spielen. Was er beruflich bewege, so seine unausgesprochene Botschaft, bringt der Umwelt weit mehr als publikumswirksames Klein-Klein. Lucke hat größere Ziele. Ganz besonders seit der Geburt seiner zwei Söhne sei er überzeugter denn je, dass der "zerstörerische Klimawandel" aufgehalten werden muss. "Die Verantwortung für die eigenen Kinder zwingt einen erst recht dazu, darüber nachzudenken, in welchem Zustand wir den Planeten den nachfolgenden Generationen überlassen wollen."

Dafür will er alle Hebel in Bewegung setzen. Auch in der Politik. Wie das geht, hat er schon früh gelernt. In den achtziger Jahren, noch als Schüler, demonstriert Lucke gegen den Raketen-Nachrüstungsbeschluss der Nato. Während er später an der Freien Universität Berlin Volks- und Betriebswirtschaft studiert, gründet er einen Verein, der Ausländern und Asylbewerbern die Integration in die deutsche Gesellschaft erleichtert. Bei all dem habe er sich jedoch nie als Revoluzzer verstanden, betont Lucke. "Meine Sache war es immer, ganz praktisch etwas zu verändern." Dass dies die schwierigere Variante ist, muss er gleich bei seinem Berufseinstieg erfahren. Der führt ihn 1993 zur Treuhandanstalt, die nach dem Mauerfall die heruntergewirtschafteten ostdeutschen Staatsbetriebe privatisierte.

Zu den schwierigsten Aufgaben gehört der Umbau des maroden Gaskombinats Schwarze Pumpe im brandenburgischen Spremberg. Viele Beschäftigte verlieren ihren Job. Das geht Lucke durchaus nahe. Doch die Zeit gibt ihm auch Selbstvertrauen: Das Kombinat überlebt als leistungsfähiger Industrie- und Kraftwerkstandort. Er hat seine Feuerprobe bestanden. Die Erfahrung jener Jahre prägt Luckes Karriere. Der Ökonom ist fasziniert von der technischen Komplexität einer zuverlässigen Stromversorgung. Zugleich versteht er während des schwierigen Umbaus der Schwarzen Pumpe, welch große Umwälzungen der Energiewirtschaft bevorstehen. In den darauf folgenden Jahren gewinnen der Ausstieg aus der Atomkraft, regenerative Energien und Wettbewerb im Strommarkt zusehends an gesellschaftlicher Brisanz. Diesen Wandel, das wird Lucke klar, will er mitgestalten.

Zunächst entwickelt er als Berater neue Geschäftsmodelle für Energieunternehmen. Aber immer nur Anstöße zu geben, ist ihm zu wenig. Lucke will selbst etwas verändern können. Der Chefposten beim AÜW ist seine Chance. Dass er das Rennen macht, verdankt er vor allem dem Votum des Kemptener CSU-Bürgermeisters Ulrich Netzer, der zugleich Verwaltungsratsvorsitzender des Energieversorgers ist. Nachdem er sich Luckes Pläne angehört hatte, traute er dem damals Mittdreißiger unter den 200 Kandidaten am ehesten zu, das Stadtwerk wirtschaftlich gesund und mit dem notwendigen Elan in die angestrebte grüne Energiezukunft zu führen. Der Politiker behält recht.

Von Beginn an treiben die beiden Männer den Umbau gemeinsam immer weiter voran. Erst vor wenigen Wochen verabschiedete der Stadtrat einstimmig ein ambitioniertes Klimaschutzkonzept. Bis 2050 will Kempten die CO2-Emissionen gegenüber heute um 95 Prozent senken. Klar ist, dass dies nur mit einer sauberen Energieproduktion funktionieren kann. Lucke war vom ersten Tag an fest entschlossen, sein Stadtwerk zu einem der innovativsten Energieversorger in Deutschland umzubauen. Weil die Margen in Vertrieb und Handel mit Watt und Volt seit der Öffnung des Strommarkts für den Wettbewerb schmolzen, brauchte das Unternehmen dringend besser bezahlte, eigene Erzeugungskapazitäten. Klar war auch, dass die grün sein mussten.

Überschüssigen Grünstrom in Großakkus lagern

Lange vor dem Atom-GAU in Fukushima entwarf Lucke dafür einen kühnen Plan. Er ließ das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme die Potenziale einer erneuerbaren Stromerzeugung im Einzugsgebiet seines Unternehmens durchrechnen. 2008 lag das Ergebnis vor: Mehr als 1.200 Millionen Kilowattstunden (kWh) kann das AÜW laut der Studie wirtschaftlich zubauen, genug Strom, um alle knapp 100.000 Kunden zu versorgen. "Zu konkurrenzfähigen Preisen", betont Lucke. Doch nicht nur bei der Erzeugung, auch bei der Organisation der grünen Energiewelt will er führend sein. Um das Ziel zu erreichen, hat er erst Mitte April ein zweijähriges Projekt zum Aufbau eines intelligenten Stromnetzes gestartet.

Dessen Bausteine: Messgeräte an Solaranlagen, Windrädern und bei den Kunden erfassen Produktion und Verbrauch. Die Auswertung von Wetterdaten liefert frühzeitig Prognosen, was Wind und Sonne am nächsten Tag zum Angebot beitragen. Übersteigt es die Nachfrage, wird der überschüssige Grünstrom in Batterien von Elektromobilen und vier stationären Großakkus gepuffert, bis er benötigt wird. Ausgewählte Stromkunden erfahren per Internet, wann der Strom am nächsten Tag besonders billig sein wird. Sie sollen dann ihre Spül- und Waschmaschine starten statt zu Zeiten, an denen die Energie knapp und teuer ist.

Luckes Ziel ist es, die Nachfrage möglichst gleichmäßig über den Tag zu verteilen. Denn je kleiner die sogenannten Lastspitzen ausfallen, an denen oft für nur wenige Minuten besonders viel Elektrizität abgerufen wird, umso weniger Geld müssen die Stadtwerke in zusätzliche Leitungen investieren. "Dann kämen wir mit deutlich weniger Sicherheitsreserven aus", sagt Lucke. Mit an Bord bei dem bundesweit einmaligen Experiment sind Siemens, die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH) und die Hochschule Kempten.

Immer wieder Experten der unterschiedlichsten Disziplinen an einen Tisch zu bringen und sie auf eine gemeinsame Mission einzuschwören loben enge Mitarbeiter als eine besondere Führungsstärke Luckes. "Er ist kein Alleinunterhalter, sondern ein echter Teamplayer", sagt einer von ihnen. Und noch eine Fähigkeit würdigen sie: Lucke hole junge Hochschulabsolventen ins Unternehmen und betraue sie frühzeitig mit verantwortungsvollen Projekten. Auch das hat Aufbruchstimmung und Dynamik in das Stadtwerk getragen, in dem die Beschäftigten früher oft eher Dienst nach Vorschrift schoben.

So viel Lob ist Lucke unangenehm. Ist er ein "grüner Schwärmer"? Nein, erwidert er entschieden, eher ein "kühler Rechner". Dann wagt er eine Prognose: Vielleicht schon 2018, spätestens jedoch 2024 sei Elektrizität aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne billiger als fossil erzeugter. "Darauf muss das Unternehmen vorbereitet sein." Darum hält er das Veränderungstempo hoch. Und nur allzu gerne würde der Manager seiner bisherigen Erfolgsstory schon bald ein weiteres Kapital hinzufügen.

Mit anderen Stadtwerken arbeitet er an einem Konzept, ein bundesweites Netz an Ladestationen für Elektroautos aufzubauen, an denen der Fahrer überall mit der gleichen Kundenkarte bezahlen kann. Die Versorger, so eine weitere Idee, könnten zudem Daten liefern, aus denen die Navigationssysteme errechnen, wie weit die E-Mobile unter Berücksichtigung von Staus und Streckenprofilen kommen, bevor sie an die Steckdose müssen. Lucke kann seine Begeisterung für das Projekt kaum verbergen: "Elektrisch von Sylt bis Oberstdorf", schwärmt er, "das wäre doch ein Ding."

Erschienen in der Wirtschaftswoche