Zur Rettung des Euro-Raumes ist das zweite Griechenland-Paket der richtige Schritt. Der Plan sieht vor, dass die öffentlichen Gläubiger den privaten Gläubigern ihre Forderungen abnehmen. Mit den Beschlüssen des EU-Gipfels vom vergangenen Freitag halten EU und Internationaler Währungsfonds (IWF) nun zwei Drittel der insgesamt 330 Milliarden Euro, die Athen seinen Gläubigern schuldet. Rund 47 Milliarden Euro liegen in den Händen der Europäischen Zentralbank (EZB). Von den verbleibenden 55 bis 60 Milliarden werden die privaten Gläubiger, insbesondere Banken und Versicherungen, nach dem Willen des Gipfels 34 Milliarden übernehmen und die Abschreibungen tragen. Was übrig bleibt, könnte die EZB als neue Refinanzierungskredite für den griechischen Bankensektor stellen.

Diese Umwandlung der Gläubigerstruktur weg von den privaten, hin zu den öffentlichen Kreditgebern ist gut für den Euro, für die europäische Solidarität und für die Erholung der überschuldeten griechischen Wirtschaft. Bevor die Folgen der Umwandlung jedoch greifen, steht im griechischen Drama noch ein letzter Akt bevor. Ob Streckung, Stundung oder gar ein längeres Moratorium der griechischen Zahlungen an die Gläubiger: Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass Griechenland seine Schulden neu ordnet. Denn auch das neue Hilfspaket ändert nichts am Grundproblem des Landes: Griechenland ist überschuldet. 

Schon jetzt ist deutlich, dass Athen in absehbarer Zeit nicht einmal die entsprechenden Zinsen wird bedienen können. Selbst aus den neuen geringeren Zinssätzen errechnet sich ein jährlicher Zinsdienst, der um ein Vielfaches über dem nominalen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts für die Jahre 2011 und 2012 liegt, das die EU-Kommission mit 1,7 Prozent minus veranschlagt. Der griechische Haushalt müsste also mit kräftigen Überschüssen abschließen, damit Athen seine Zinsen bedienen kann. Von einer Tilgung der Schulden ganz zu schweigen. Dagegen erwartet das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) für 2011 und 2012 in Griechenland Haushaltsdefizite von mehr als neun Prozent. Dass jetzt die Laufzeiten gestreckt wurden, bringt dem griechischen Schuldner kurzfristig ohnehin keine Vorteile, weil die Tilgung zeitverzögert beginnt.

Griechenland dürfte daher spätestens Anfang 2012 um eine Neuverhandlung des Schuldendienstes bis hin zu einem Schuldendienstmoratorium bitten. Das Land sollte die Unterstützung bekommen. Auf diese Weise kann es sich seinem wirtschaftlichen Reformprogramm widmen, ohne dass die Anpassung wie derzeit einen Rückgang der Wirtschaftsleistung nach sich zieht. Auch wenn der Rückzug der Banken und Versicherungen als private Gläubiger nicht überall gut ankommen wird, ist genau das in dieser Situation ein Vorteil. Denn würde Athen seine privaten Gläubiger – europaweit Dutzende, vielleicht Hunderte Kreditinstitute – mit einem Schuldendienstmoratorium konfrontieren, wäre eine negative wirtschaftliche Kettenreaktion die Folge. Die Banken würden ihre Verluste auszugleichen versuchen, indem sie weniger Geld beleihen oder die Zinsen erhöhen. Dies würde sich entsprechend stark auf die Investitionskredite für Unternehmen und auf die Zinslast für normale Privatkunden auswirken und somit auf Konsum und Wachstum.

In der jetzigen Konstellation trifft dagegen ein potenzieller Athener Zahlungsausfall die Haushalte von 16 Nationen sowie zwei starke Einrichtungen – den IWF und die EZB – als Garanten der Kreditpakete. Sie würden zwar wegen der Kombination aus einer Teilabschreibung, die wohl kommen wird, und entgangenen Zinseinnahmen durch einen Schuldenschnitt belastet. Doch selbst für den Fall, dass Griechenland bis zu 100 Milliarden Euro nicht zurückzahlen würde, würde die Schuldenquote der Euro-Zone "nur" um etwa 1,7 Prozent des Euro-Zonen-BIP zunehmen. Das ist verkraftbar.

Allerdings wird eine Neuordnung des Schuldendienstes für Griechenland die Krise in Europas Peripherie und die davon ausgehenden Gefahren für die Währungsstabilität nicht beenden. Auch im Falle Portugals wird wohl ein Bail-out erforderlich sein. Portugals Schuldendienstarithmetik ist der griechischen sehr ähnlich: Das Bruttoinlandsprodukt geht zurück, für den Haushalt werden für 2011 und 2012 Defizite von bis zu 5,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwartet. Folglich wächst die Schuldenquote weiter.

Eine Umschichtung der portugiesischen Schulden in die Hände der drei öffentlichen Gläubiger EU, IWF und EZB mit einem anschließenden Schuldendienst-Moratorium wäre sogar fast noch wichtiger als im Falle Griechenlands. Denn würde Portugal zahlungsunfähig, könnte dies auch Spanien aufgrund der umfangreichen Forderungen seines Bankensystems an den portugiesischen Staat akut gefährden. Madrid wäre angesichts von 20 Prozent Arbeitslosigkeit und hoher Primärdefizite kaum in der Lage, seine Banken zu stützen. Zugleich könnten die Rettungsmechanismen des Euro-Gebietes mit ihrer Kapazität von etwa 550 Milliarden Euro Spaniens derzeitigen Schuldenberg von 700 Milliarden nicht auch noch tragen.

Die Rettung Lissabons und Athens ist wichtig für Europa. Auch wenn der beschriebene Weg teuer wird, wiegen die politischen und wirtschaftlichen Vorteile einer Krisenüberwindung im Euro-Gebiet bei Weitem mehr. Sofern es bei den beiden kleinen Südmitgliedern bleibt, wird das Euro-Gebiet die Kosten auch gut finanziell verkraften können. So hat Irland durchaus Chancen, seine Schuldenkrise aus eigener Kraft zu überwinden – entweder über ein anziehendes Wachstum oder über eine Umstrukturierung wie in Island. Italien ist trotz geringen Wachstums weniger gefährdet, da seine Sparquote hoch ist und seine Gläubiger vorwiegend Einheimische sind. Bleibt also Spanien vor einer Ansteckung bewahrt, besteht Hoffnung, dass die Schuldenkrise mit der Umschichtung der griechischen und portugiesischen Schulden 2012 überwunden werden kann.